Ausgabe 
(22.12.1883) 102
 
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nicht genau, und er vergaß, daß seine schönste, seine beste Welt und Hcimath draußenim stillen Walde sei.

So gar still war der Wald freilich auch nicht immer! Manch' zierlich Reh huschtednrch's Gezweig, wohl manches nmnterc Häslein ließ sich blicken, und die vielen, vielenVögcl, die dort wohnten! Und zuweilen kamen auch fremde Wandervögcl, kamen auchfröhliche und traurige, lustige und einsame Menschen in den Wald. Aber das war demTanncnbanm mit der Zeit Alles nicht genug! Er wollte Wechsel haben gerade wiedie Menschen der arme Thor! Und glaubte doch, er sei so anders wie die Andern!

So versäumte er die schöne, heimathliche Gegenwart und sehnte sich hinaus.Wohin?

Wohin zieht Ihr?" fragte er die Wolken. Sie aber gaben keine Antwort; sieschwebten viel zu hoch, hoch oben über ihm und Allem. Sie wußten Nichts vom Sehnen,den: thörichten, eines so kleinen Nadelbaums auf Erden.

Wo kommt Ihr her?" fragte er die fremden Vogel und was sich sonst nochblicken ließ.Kommt Ihr aus der Welt, wo die Freiheit wohnt?"

Ja", sprach ein naseweiser Spatz.Aber da ist nicht viel zu holen; da hacktman Dich zu Holz!"

Dem Bänmlein schandert's, daß es förmlich Nadelweh bekam.

Zu Holz gehackt! Das klang nicht vielversprechend, im Grunde aber glaubte dochder Baum, daß dies ihm nicht geschehen könnte. Er wollte ja höher, so hoch hinaus!Und er war so anders, so ganz anders wie die anderen Bäume, meinte er; undwas man wünscht, das glaubt man gern und meint man auch zu können.

Und da kam einmal ein Tag, da ward sein Wunsch erfüllt! Das ist nicht immergut, doch der Tannenbanm meinte, es sei der glücklichste Tag in seinem ganzen Leben,denn nun sollte er ja in die Welt! Der erste Schmerz geschah ihm freilich jetzt!Ein Schlag, daß er zu Boden stürzte, und nun war er von der heimathlichen Erde ab-getrennt das schmerzt doch ein wenig. Aber jetzt war's zn spät, und er über-wand den Schlag, oder er glaubte wenigstens, daß er es that. Sein Liebltngs-wunsch war ja erfüllt er sollte fort hinaus fort in die Welt! Was fürein Glück!

Schon die Reise, die er nun zn Wagen mit manchem andern grünen Nadelbaumzn machen hatte, war so lustig! Was sah man Alles, wieviel Neues, Ungeahntes undauch Schönes, und als man endlich in die große Stadt kam, meinte der Baum, nunsei er in der Welt!

Und jetzt begann er sich auch wieder mit seiner Zukunft zn beschäftigen.

Was wohl nun mit mir geschieht?" fragte er sich.Ob ich auch so aufgestelltwerde, wie die großen Baume hier in den Straßen, unter denen die Kinder jubeln undspielen, oder ob ich gar hoch hinauf anf'S Dach komme, fast so hoch bis znm Himmel,wie der kleine Tannenbanm dort oben auf dem Hanse, der so hübsch und stattlich mitbunten Bändern aufgeputzt ist? Wie stolz er dasteht, und wie lustig seine bunten Bänderim Winde flattern! Ob wohl der Baum da oben festwächst?"

Armer Tannenbanm! Was wußte er davon, daß der stolze Baum da droben aufdem Dache nicht viel länger auf dem hohen, luft'gen Sitze thronen werde, als derRichtspruch und der Richtschmaus dauern, die er feiern hilft, um dann den Weg allesIrdischen zn wandeln hin zn Staub und Asche!

Wohin überkam nun unser Tannenbaum? Das werden wir gleich sehen! Er kammit all' den andern Bäumen in einen großen Hofraum, wo sie alle abgeladen undanfgespeichcrr wurden. Mancher erhielt sogar ein hölzernes, künstliches Fußgcstell, stattseiner alten Wnrzelfüße, so daß er wieder auf eigenen Füßen stehen konnte, Andereaber und darunter auch unser Tannenbaum, lagen am Boden durcheinander, geradewie sie der Zufall hatte hinfallen lassen.