Ausgabe 
(22.12.1883) 102
 
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Ist das mein Schicksal?" fragte sich der Baum etwas bestürzt, dein die Sacheviel zu langsam ging.Ist Alles schon zu Ende? Soll das hier meine Zukunft sein?

Bin ich darum so anders wie die Andern? Da war es ja im Wald noch besser

in der .heimath!"

Und der Baum begann nachdenklich zn werden. Warum? Weil er enttäuscht war,

und ein unbestimmtes Gefühl empfand, das er sonst noch nie gekannt, es war daÄ

Heimweh nach der wahren Heimath!

Ach wo war sie? Ferne! ferne! Verloren!

Und er hatte doch so hoch hinauf, so weit hinaus gewollt!

Es ist nicht nur der Baum, dem es so geht.

Wer lebt, der hofft indessen, und darum hoffte auch der Baum, gerade wie dieMenschen, denn noch fühlte er ja das Leben in sich strömen, und darum hoffte er, wenner auch durchaus nicht wußte, worauf er eigentlich denn hoffte.

Und nun kam das Christfest. Auch in den großen Hofranm, wo die Bäumelagen, kam es, und da erst recht, denn dahin kamen ja die vielen Leute, die Christ-bäume holen wollten für den Weihnachtstisch; doch der Baum verstand das nicht, wiehätte er es sollen? aber eine Ahnung wie von etwas Wunderbarem, das kommenwürde, durchzuckte ihn.

Und nun schlug auch seine Stunde! Endlich endlich kam sie! Er fühlte sicherfaßt und fortgetragen.

Wohin kam er wohl jetzt wohin? Mau trug ihn vorbei an vielen, großenHäusern, wo schon die ersten Kerzen der brennenden Christbäume durch die Fensterschimmerten. War das eine Pracht!

Den Tannenbaum durchschanerte es seltsam, wie bange Wonne. War das auchsein Loos? Da sah er drinnen grüne, frische Waldbäume, geschmückt mit Gold undSilber und reich behängt mit buntem, glänzendem Schmuck, wie in eine Fluth vonLicht getaucht, zn sich hinansschimmcrn. Gott , war das schön und herrlich! Sie schienenihm zn winken, ihn zn grüßen! Sie wuchsen wohl da fest, und wurzelten in jenen großen,schönen Häusern, und alle Tage spielten dann die Kinder unter ihren immergrünen,gold- und silbcrbcladencu Zweigen, an denen rothe Aepfel und schimmernde Nüsse hingen,und die Kinder jubelten so hell, wie er es jetzt bis hinaus auf die Straße hören konnte,und Alt und Jung erfreute sich daran!

Und er war ja noch ganz anders als die Andern. Was konnte erst mit ihmgeschehen? Doch gewiß etwas Besonderes! ganz Besonderes! Vielleicht kam er geschmücktund leuchtend oben, hoch oben auf ein Haus, wie jener kleine Baum, den er gesehen,nur, viel höher und viel schöner noch, und strahlend hell von vielen, vielen Kerzen, wiedie Bäume drinnen in den Zimmern?

Ach, wie sehnt er sich so hoch hinauf, zum Himmel hoch, bis in die Wolken, dieso hoch und stolz über ihm dahinzogen!

Ja, er wollte hoch hinaus, der kleine Baum, der gar nicht war wie alle Andern,und doch so thöricht war, so klein, wie all' die Andern!

Wo kam er hin? Er kannte nicht den Ort, wo man ihn niederlegte und dannaufstellte. Es war fast wie im Walde dort, so still so weißverschncit, so friedlich.Halb heimathlich, halb traurig wehte es ihn an. Wo war er denn? Sollte er nun ge-schmückt werden und Licht ausströmen? War das hier die Welt, die Freiheit, die er suchte?"

Armer Baum! Wo wohnt die Freiheit? Doch nicht in der Welt, ivic Du esglaubst?

Es war so still und dunkel es wurde ihm so sonderbar zn Muth! Daplötzlich was war das? Es flammte auf, es blitzte, leuchtete um ihn herum von vielenhellen Kerzen, und ringsum schimmerts grün und freundlich aus dem Schnee, und wasso leuchtet, war er selber, er allein, doch Niemand freute sich darüber! Nicht einmal er