Ausgabe 
(22.12.1883) 102
 
Einzelbild herunterladen

822

selbst! denn seine Strahlen warfen ja ihr Licht auf einen Grabhügel und auf die dunkleGestalt, die dicht daneben lehnte. Es war ein Mensch, ein einsamer Mensch, indessen Auge es nicht minder glänzte, als in des Baumes Zweigen.

Nimm hin das Licht, das ich im Leben Dir versagte", flüsterte der Mann am

Grabe.Als ich die Welt, die Freiheit wählte, gingst Du von mir, meine Heimath,

mein Alles. Und nun bin ich allein und heimathlos entwurzelt, wie der sonst soimmergrüne Baum, der Dir heut' leuchten soll!"

Und er sah zur Erde nieder und zum Himmel auf, wo unser Aller Heimath ist.

Gewiß wir sehen uns wieder dort in der ewigen Heimath, wo allein die Frei-

heit wohnt. Durch Finsterniß und Erdenstaub zum ewigen Licht!"

Und sonderbar! Der Baum verstand, was'der Mensch, der einsame, dort sagte,und durch die Kerzen schicn's mit Flammenschrift zu schimmern:

Warum opfert ihr den Todten?

Hättet Ihr es ihnen lieberDoch im Leben schon geboten!"

«nd er dachte nicht mehr an sich selber, der Tannenbaum, der auch gemeint hatte, anderszu sein, als wie die Andern.

Die Kerzen brannten nieder, und der Mann am Grabe denkt darüber nach, daßder Tod wohl nicht die schlimmste Trennung ist das Leben trennt noch schlimmer.Darüber denkt er nach und vergißt dabei die Gegenwart, und darüber verlöschen nundie Lichter, und es wird finster, ganz finster um ihn her.

Herr bleibe bei mir, denn es will Abend werden!"

Doch das Licht des Christbaums auf dem Grabe brannte weiter und leuchtete denPfad des Einsamen voran, seinem irrenden Fuß die Spur zu weisen, und er fand sie hin zu den Armen und Elenden, denen kein Licht am Weihnachtsabend leuchtenwollte durch die Dunkelheit.

Und der Tannenbanm? Der wußte jetzt, was Heimath ist, und daß die Frei-heit nicht in dieser Welt zu finden ist, und daß man doch ist wie die Andern, wennman's auch nicht glauben will; er fühlt, daß auch er bald Frieden finden wird,und daß er hoch gestiegen war, viel höher als der Baum da droben auf dem Hause,und als die dort in den großen Häusern.

Er wußte -auch jetzt, daß er sterben mußte und vergehen, ferne von der Heimath,aus der er sich einst fortgesehnt, und die er nun verloren, er wußte aber jetzt auch,daß der Himmel Aller Heimath ist auf Erden, und das Christkind huschte leise durchdie Zweige und segnete den stillen Ort, wo Jene schlummern, die erst das rechte Christfestfeiern.

Womit Du sündigst, damit rvirst Du gestraft.

Aus dem Englischen der Mrs. Mary Cccil Hay, übersetzt von Alice Salzbrnnn.

(Nachdruck dcrdoten.)

Das unbewohnte Landhaus war von einer reizenden Landschaft umgeben, aberdennoch hätte ich mir keinen Begriff von einem so verödeten, gespensterhaften unheim-lichen Wohnsitz machen können, bevor ich es gesehen. Ich hatte Schloßruinen gesehen,und war durch manchen verwilderten, vernachlässigten und vergessenen Park gegangen,aber hier schien die Vereinsamung und Verödung anderer Art zu sein. Ich sagte dasdem Pfarrer, welcher mich um das Haus herum führte und mir die Ueberreste ver-gangener Schönheit zeigte, die sogar unter dem Mehlthau des langsamen Verfalles noch»sichtbar war.

Ja, Sie müssen dieses Haus nicht mit eigentlichen Ruinen vergleichen," sagte er,nicht etwa mit der malerischen alten Abtei, welche Sie in unserer Nachbarschaft gesehenhaben. Dieses Gebäude bröckelt nicht unter den langsamen Schlägen der Zeit. Das