Ausgabe 
(22.12.1883) 102
 
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timgeil thätig gewesen wären, oder vielleicht ein von Jahr zn Jahr ruhelos ver-änderter Geschmack.

Dies sind die besten Familicnportraits," sagte der Pfarrer, auf die mit Bildernoehangcncn Wände deutend,eigentlich sollte ich sagen, die Portraits aus der neuestenZeit. Die Ritter und Damen früherer Jahrhunderte hängen unten in einer langen,modrigen Gallcrie. Diese Portraits stammen aus über hundert Jahren vor dem Todedes letzten Bewohners dieser Räume. Bitte, betrachten Sie dieses Gemälde; es ist derletzte Sgnire."

Das Bild, welches der Pfarrer mir zeigte, war kleiner als die anderen und viel-leicht noch schöner, obgleich die Schönheit nicht selten unter diesen stolzen, ruhigen Ge-sichtern war. Es stellte einen jungen Mann von drei- oder viernndzwanzig Jahren inHofklcidung dar: ein Gesicht von merkwürdiger, obgleich etwas weiblicher Schönheit,aber es war von ausgezeichneter Feinheit und deutete klar auf eine hohe Geburt undHerkunft; sogar als der Pfarrer seine Meinung ausgesprochen, konnte ich keinen Stolzin diesen schönen, furchtlosen Augen und keine Anmaßung in den edlen, kühngcschwnngencnLippen sehen.

Ich sah nie ein schöneres Gesicht," sagte ich ganz leise, obgleich ich nicht wußte,warum ich flüsterte.Und er war der letzte Sgnire? Er war also nie vcrheirathct?"

Nein."

Starb er jung?"

N'--ein."

Wollen Sie mir seine Geschichte erzählen?"

Hier nicht," sagte der Pfarrer und ging sogleich zu anderen Portraits, von denener etwas hastig sprach.

Auch in diesem Zimmer befanden sich zwei Thüren einander gegenüber, wie inden beiden ersten Stuben der Reihenfolge, und hier hingen vor beiden Thüren diefaltenreichen Sammctgardincn. Der Pfarrer schob dieselben bei Seite und zeigte mir,daß die unserem Eingang gegenüber stehende Thüre verschlossen, und daß der Schlüsselabgezogen war.

Ich sagte Ihnen, wir würden nnr in drei Zimmer gelangen können," sagte er,und jetzt haben Sie wohl Alles gesehen, was ich Ihnen zeigen kann."

Aber ehe wir zurückgehen," bat ich dringend, indem ich mich auf einen ver-blichenen Sessel vor dem Portrait des letzten Sguires setzte,erzählen Sie mir die Ge-schichte dieses verödeten Ortes."

Ich will Ihnen dieselbe auf dem Heimwege erzählen," antwortete der Pfarrer.Als er jedoch sah, wie müde ich war, und daß wir wirklich ausruhen mußten, nahmer einen Stuhl, schlug den dicken Staub und die Spinnweben etwas ab, setzte sich undbegann die Erzählung in einem leisen, unruhigen Ton, welcher mich bald so nervösmachte, daß ich fast fürchtete mich umzusehen.Lndolph Warwick erbte als sehr jungerMann seines Vaters Bcsitzthnm; er war sehr schön, wie Sie hier sehen, und hoch-müthig; sein Stolz war leicht verletzt und trotz seines feinen Wesens unbeugsam. Daßsolch' ein Alaun, ein reicher Grundbesitzer von vornehmer Geburt und so gebildet wiewenige Landedellente seiner Zeit, ein Liebling in jedem Londoner Salon wurde, istsicherlich nicht erstaunlich; und daß solch' ein Mann, geschickt in allen ritterlichen Be-schäftigungen und freigicbig bei seinem Reichthum, ein bevorzugter Gast in jedem länd-lichen Herrenhaus unserer Grafschaft wurde, ist ebenfalls nicht erstaunlich. In derFrcndc über seine glänzende linterhaltuugsgabe bemerkten Wenige die Abwesenheit eineredclmüthigcn Sympathie oder die kalte Gleichgültigkeit gegen diejenigen, welche demmagischen Kreise der feinsten und ausgezeichnetsten Gesellschaft nicht angehörten. Wenigesahen bei der Bewunderung seiner regelmäßigen schönen Züge, daß der hohe, kühne Ge-sichtsansdruck nnr ein kalter, grausamer Stolz war. Er bewohnte diesen Landsitz jeden