Ausgabe 
(22.12.1883) 102
 
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Sommer, während ungefähr acht Wochen, hatte dann das Hans voll Gäste und zeigteeine verschwenderische Pracht. Außer diesen Sommerbesuchen genoß er ein angenehmesLeben in seinem schönen Londoner Hanse, in seinem schottischen Jagdschloß, im Anstandoder als Gast anderer Landedcllente. Er war der Zielpunkt der Blicke und Gedankender Mütter, das Ideal ihrer Töchter und der anerkannte Liebling der Gesellschaft. EinesTages, als Sir Lndolph sich mit einem Schwärm fröhlicher, vornehmer Gäste hier auf-hielt, versuchten ein paar Strolche einen Einbruch in sein Hans. Ich glaube, der Sgnireselbst entdeckte es; jedenfalls wurden sie überrascht, ehe sie noch in das Hans einge-drungen waren, und nur ein kleiner Knabe, welchen die Schurken durch ein erbrochenesGitterfenster geschoben, damit er ihnen die Thüre öffne, wurde gefangen. Dieser Knabewar das einzige Kind einer Frau, der ruhigen, einsamen Bewohnerin eines kleinenHäuschens, welches ihr, wie mau sagte, von dem verstorbenen Sgnire geschenkt wordenwar. Sie war eine Spanierin, eine schöne, schwarzäugige Frau, mit dunklem klarenTeint, und obgleich sie so nahe dem reichen Manne lebte, welcher sie aus ihrer fernenHeimath hinweggelockt hatte, hatte man nie gehört, daß sie seinen Namen erwähnte; dasstille, zurückgezogene Leben dieser Frau concentrirte sich in demjenigen ihres Kindes. Alssie hörte, daß der Sgnire ihren Knaben eingesperrt habe und die Polizeibeamten holenlasse, kam sie zum ersten Mal in das Landhaus, seitdem des Sguire's Vater sich stolzvon ihren Bitten hinwcggewendct. Mit brennenden Thränen sagte sie dem jungenSgnire, daß er sich ihres Knaben erbarmen solle, weil derselbe sein Bruder, seinesVaters rechtmäßiger Sohn sei. Er lächelte in seiner schönen, kalten Weise und rieth ihrruhig, wenn sie lüge, so solle sie nicht zu ihrer eigenen Schande lügen. Sie zeigte ihmihren in Spanien ausgestellten Trauschein und sagte, der katholische Bischof in unsererNachbarstadt könne die Echtheit desselben bestätigen. Er antwortete ihr lachend, die'katholische Trauung sei ungültig im protestantischen England .

Als die Polizisten kamen und den Knaben hinwegführten, welcher seine Arme nachder Mutter ausstreckte, stand sie mit bleichen, festgcschlossencn Lippen im großen Vestibüldieses Hauses und folgte ihrem Kinde nicht einmal mit den Augen, denn sie sah unver-wandt in das schöne Gesicht des jungen Sgnire. Ihr Knabe, ein hübsches, schüchternesKind von kaum zwölf Jahren, wurde vor die Richter gestellt und erzählte sein Erlebnis;i,nter vielen Thränen.

Er ging am vorhergehenden Abend ruhig nach Hause, als zivei Männer ihmnach kamen und mit ihm gingen. Sie sprachen viel mit einander, obgleich gar nicht mitihm; aber als er am Schlagbanm die Landstraße verlassen und den Feldweg nachHanse einschlagen wollte, baten sie ihn, noch etwas weiter mit ihnen zu gehen nnkl ver-sprachen ihm ein Geschenk für seine Mutter. Er ging weiter eine lange Strecke,glaubte er, und dann führten sie ihn in ein leeres Banernhans, schlössen die Thüreund behielten ihn dort, bis es ganz dunkel war. Sie trugen ihn bis zum Herrenhaus,denn er hätte den Weg im Dunkeln nicht finden können; sie schoben ihn durch eine kleinezerbrochene Fensterscheibe und befahlen ihm, eine Thüre, welche er dicht neben demFenster finden würde, aufzuriegeln; sonst müsse er dort immer im Dunkeln bleiben.

Das war Alles, was der Knabe erzählte; man sah deutlich, wie sehr er durchdie Drohungen der beiden Böscwichte geängstigt worden war. Ich glaube, einer derRichter sagte, die entsetzliche Furcht, welche der Knabe ausgestanden habe, sei eine hin-reichende Strafe für ihn gewesen; aber man lächelte verächtlich über diese Idee. DasKind wurde zur Einzelnhaft auf zivei Jahre vernrtheilt ja, obgleich die schöne Spa-nierin vor dem Sgnire auf ihren Knieen lag und ihn bei dem Andenken an seine Elternund bei seiner Hoffnung aus Gottes Gnade um Erbarmen anflehte.

Ehe die Strafzeit halb verflossen war, ließ der Arzt den Knaben in das Hospitalbringen.Dieser einsame Kerker ist sehr verderblich für einen schwächlichen, wachsenden