Nr. 103.
1883.
postMuilg
Montag, 24. December
Immer — nimmer!
Weihnnchts-Erinnerung einer Uhr von Klnra Reichner.
„So stand die Uhr in Lust und Leid,Bei Todtenklag und KindstnufSfrcud';Was dort im Lauf der Zeit geschehen,Die Uhr hat es mit angesehen!
In jedem Wechsel fort und fort,
Die Gleiche stets mit gleichem Wort:Immer — nimmer!
Immer — nimmer!"
Longfellow.
Weihnachtsabend war's.
Im Zimmer war es still und dämmerig; nur zwei Wesen weilten darin, welcheSpuren von Leben verriethen: eine alte Frau und eine alte Uhr.
Die alte Frau saß auf einem großen Sorgenstuhl, aber es war ein weichgepol-sterter Sorgenstuhl; die alte Uhr stand in der Ecke, so fest stand sie auf ihren beidenSäulen, als ob sie nicht schon viele, viele Jahre durchwandert hätte, Tag für Tag,Stunde nur Stunde, Minute für Minute.
Die alte Frau wußte das auch recht gut, denn oft nickte sie der alten Freundinin der Ecke zu, als wollte sie sagen:
„Ja! du und ich! Wir Zweien haben schon manche Stunde, gute und auchtrübe, mitsammen durchgemacht. Wie viele Stunden werden wir wohl noch bei-sammen bleiben?"
„Immer — nimmer!Immer — nimmer!"
tönte es aus der Ecke zurück. Und die alte Frau nickte wieder, weil sie ganz gutverstand, was die Uhr damit sagen wollte. Früher hatte sie es nicht so gut verstanden.
Weihnachtsabend war's, und ein Jeder weiß es, was das für ein Abend ist,was für ein gesegneter, ein schöner Abend für die ganze Christenheit auf Erden.
Die Dämmerstunde war gekommen — da war's lebendig überall — auch in derstillen Stube bei der alten Frau.
Draußen auf den Gassen mehrte sich das Laufen und der Lärm, und wer nochkeinen Weihnachtsbaum im Hause hatte, nahm ihn geschwind jetzt mit unterwegs. Eskommt ja nur ein Mal der schönste Tag vom ganzen Jahr!
Drinnen bei der alten Frau ward's auch lebendig. Allerlei Gestalten, allerleiBilder tauchten auf — buntfarbige und auch recht graue. Helle, lichte, — Andere inNebelschleier eingehüllt, und mancher Weihnachtsbaum verflossener Jahre streckte diestacheligen, lichtstrahlenden Zweige in's dämmernde Zimmer hinein.
„Immer — nimmer!Immer — nimmer!"