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sagte die alte Uhr in der Ecke, und sie hatte auch ganz Recht. Immer — nimmerkamen sie wieder, dieser Tag, diese Bäume!
Der erste, allererste Weihnachtsbaum! An den freilich konnte die alte Frau sichgar nicht mehr erinnern, das wird ein Jeder gerne glauben, da war die alte Frau janoch ein kleines, kleines Kind, wenn man auch kaum meinen sollte, daß so alte Leuteauch einmal so klein und jung gewesen, nun man sie so fix und fertig alt sieht.Aber später hat man es ihr oft erzählt, wie sie dem ersten Christbaum zugejauchzt,und so verlangend die kleinen Aermchen nach ihm ausgebreitet — dem Licht entgegen.
Und die Jahre kamen und vergingen! Licht und lichter ward es auch in derkleinen Mcnschenseele, und der grüne, lichterglünzende Baum kam Jahr für Jahr in'sHaus, und stets mit ininierglcichcni Jubel wurde er begrüßt.
„Ich habe dich so schrecklich lieb!" Das war der höchste Ausruf von Wonne, dendas kleine Mädchen damals kannte, und darum sagte sie es auch, wie oft, mit danker-fülltem, kleinem Herzen zu der guten Mutter, die damals noch lächelnd neben dem grünenBaume stand. „Ja — wie lieb denn?" -- „O so hoch — so hoch wie unser Christ-baum, nein, noch viel höher — so hoch, — bis zum Himmel hinauf!"
„Immer — nimmer, immer — nimmer!" tönte es leise aus der dunkeln Ecke,und die alte Frau verstand es wieder, denn sie wußte, daß auch diese Zeit zu Endeging, und daß sie später — wie oft — in jugendlichem Unbedacht die beste aller Mütterwie sehr gekränkt!
Und die Jahre gingen weiter, und das Leben auch, so pfeilgeschwind und doch sohübsch allmählig, daß man es kaum merkte, wenigstens nicht eher, als bis die Gegen-wart vorüber und die Zeit entflohen war, die so rasch und treulos davoneilte, wie allesAndere sonst, was irdisch ist. Doch die alte Uhr war desto treuer als die Zeit, welchersie diente, und treuer als das Glück und als die Menschen!
Oftmals war sie auch eine gar treue Warnerin gewesen, wenn ihr Pendel so still-geschäftig sich hin- und hcrbewegte, und der Zeiger so unerbittlich weiter rückic, vonStunde zu Stunde.
Immer neue Minuten folgten ja den abgelaufenen, doch nimmer waren es die-selben — immer andere, und nimmer kamen sie wieder die verflossenen — nimmer.
Das predigt die Uhr mit ihrem steten, stetigen: „Immer -- nimmer, immer —nimmer!" nur daß die alte Frau es nicht so gut zu hören verstanden, einst, als sienoch jung gewesen!
Die frohe Kinderzeit verflog — es kamen andere Tage, andere Zeiten, doch auchsie waren gut und schön und glücklich, voll von Spnncuschcin und Liebe! — Wohlmahnte die alte Uhr und predigte Vergänglichkeit, doch Niemand achtete auf sie, wennsie erzählte, daß Lieb' und Jugendzeit und Glück verwehen, wie ein Blatt im Winde!
Wer mag an Sturm und trübe Wetterwolken und au graue Nebel glauben, wennam blauen, heiteren Himmel die helle, goldene Sonne lacht?
Und die jugcndfrischc Rose und die bräutlich-grnuc Myrthc wanden sich znm Kranzdie Braut zu schmücken, die glückliche, die hoffnungsreiche, überreiche Braut!
Freundlich zu nickte sie der alten Uhr, der treuen Freundin ihrer Kinderzeit undMädcheujahrc, deren rastlosen Pendel- und Stundcnschlag sie — ach so oft gelauscht,voll Lust und Ungeduld und Freude.
„Immer — nimmer, immer — nimmer!" sagte die Uhr, und ihr klang es wieein Gruß. Ja, das war es auch, doch durch den Gruß klang es wie eine ernsteFreundes-Stimme:
„Für immer gehst du, und wie es war ivird's nimmer!"
Und es ward auch nicht mehr so.
Der Schritt aus dem Elternhaus war der in's Leben, und das Leben will ge-zahlt sein — Jeder muß es zahlen — früher oder später.