Ausgabe 
(24.12.1883) 103
 
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Wohl schielte noch der Sonnenschein auf grünen Blättern, doch hier und da beganndas Laub sich gelb zu färben und dürres Reisig sich zu zeigen, aus dem kein Grünmeh7 sprossen wollte.

Ist die kurze Blüthcnpracht des Frühlings um, so folgen ihm des Jahres andereZeiten so will's Natur und Leben.

Engel der Freude und der Trauer zogen ein und aus, und die alte Uhr nahmihren Theil an Allem.

Immer nimmer," sagte sie,immer nimmer!" und das klang wie ein Gebet.

So zogen die Jahre wie die Wolken droben am Himmel, sichtbar, immer nahe,und doch fern und wechselnd, und mit ihnen zog die Jugend, zog gar Manches, dasnicht wiederkehrte, zog ein Christfest nach dem andern Jahr für Jahr, als wie ein Zeit-messer für Glück und Leid.

Gar treu sind seine grünen Boten, mit ihren immergrünen Blättern, aber dieseBlätter sind Nadeln, und Nadeln haben ihren Stachel.

Wo sind sie hin, sie Alle, auf die einst der helle Kerzenschein die frohen Weih-nachtsstrahlcn warf wohin? Erloschen ist ihr Licht, nur das Gedächtniß stirbt nicht.Das lebt immergrün im Herzen.

Immer nimmer, immer nimmer!" sagte traurig die alte Uhr, die immerdieselbe geblieben war, ob auch alles Andere sich geändert hatte.

Und nun war's Winter, schuec-weißer, kalter Winter, und wieder war's Weih-nachten, und das Haar der Frau, die einst ein frühlingsfrisches Kind gewesen, war auchweiß geworden, doch kalt war's nicht im Herzen drinnen, o nein, recht warm sogar undauch recht Hoffnungsgrün wie Veilchen unter Schnee.

Wohl fühlte sie den Winter und die Einsamkeit, die alte, stille Frau, doch einetreue Freundin war ja bei ihr: die alte Uhr, und jetzt verstand sie ja weit besser, wasdie Uhr erzählte. Von alter Zeit, von schönen, frohen Stunden sprach sie, so gut wievon den traurigen und ernsten. Sie lächelte mit ihr und weinte, sie klagte, tröstete.

Immer nimmer, immer nimmer!" lehrte sie, und die alte Frau wußtenun, daß Alles ein Ende hat und daß doch die Hoffnung den Menschen von der Wiegebis znm Grab als gute Fee geleitet.

Weihnachtsabend war's.

Im Zimmer war es still und dämmerig; nur zwei Wesen weilten ja darin, dieSpuren von Leben verriethen: eine alte Frau und eine alte Uhr.

Der alten Frau war's wehmüthig zu Sinn die alten Zeiten wurden am Christ-abend so neu, und sie war so allein.

Ach! Wo waren sie Alle? Wo? Die Eltern, Geschwister, Kinder, Gatte, Freunde!die einst das Christfest mit gefeiert, mitsammen unter dem grünen, immergrünen Tannen-banm? Wie hatte da der Lichterglauz gestrahlt! Und nun? Zerstreut! Sie Alle, Alledurch das Leben, durch den Tod, verweht die frohen, hellen Weihnachtstage, längst verweht.

Und die alte Uhr stand in der Ecke, so fest auf ihren beiden Säulen, als wennsie nicht schon viele, viele Jahre durchwandert hätte, Tag für Tag, Stunde uin StundeMinute für Minute.

Immer nimmer, immer nimmer!" sprach sie unerschütterlich.

Und die alte Frau verstand sie gut, und fühlte aus den dürren Reisern frischenFrühling sprossen, der unvergänglich, unverwelklich war, so unvergänglich, wie die Uhrder Ewigkeit, die auch in jeder Spanne Zeit uns mahnt, daß Alle, die das Leben einstzerstreut, ein schöneres Christfest wieder eint, dort oben, wo sie sich alle wiederfinden,znm ewigen Wiedersehen, das kein Tod und keine Trennung stört!

Immer dort doch nimmer hier sagt die alte Uhr.

Fröhliche Weihnachten allen Einsamen!