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Der Pfarrer war damals ein alter Mann, so alt wie ich jetzt bin; er kam nndkniete betend in diesem Zimmer neben dem geschlossenen Sammctoorhang. Er wußte,daß die Thüre zum Schlafzimmer des Sgnire offen stand, aber er war gebetenworden, hinter diesem Vorhang zu bleiben, und er wollte ohne Aufforderung keinen Schrittnäher treten. Voll heiligem Ernst betete er mit lauter Stimme und brachte demreuigen Sünder die Botschaft oom Erbarmen des allmächtigen Gottes und vomewigen Leben.
Am nächsten Tage kam der Pfarrer wieder, aber diesmal waren die Thüren vcr-schlossen, weil er nicht gerufen worden war, und kein Zeichen kam von innen, daß seineBitte um Einlaß gehört wurde. An demselben Abend ließen die angstvollen Dienerihn wieder holen, Sie konnten keinen Laut im Zimmer ihres Herrn hören und hattennun seit zwei Tagen keine Speise hineinbringen dürfen.
„Ihr sollt den Arzt holen lassen," sagte der Pfarrer, „er und ich werden unsEingang verschaffen nnd ihm Hülfe bringen, wenn wir können. Ihr Alle sollt Euerheiliges Versprechen halten."
Das Schloß der ersten Thür» wurde mit großer Schwierigkeit erbrochen; derArzt und der Geistliche traten leise ein. Die Thüre, welche in das Schlafzimmer führt,war hinter dem Vorhang angelehnt, und als sie hineingingen, sahen sie mit einem Blickdie Lösung dieses grauenhaften Geheimnisses.
Der Sgnire lag angekleidet auf dem Bett; die steifen Finger seiner abgezehrtenrechten Hand hielten das geöffnete Gebetbuch, seine Linke war nach dem Bettvorhangausgestreckt, als habe er denselben zuziehen wollen, wie sein Ende gekommen war. Aufeinem Tischchen neben seinem Bett lag die geladene Pistole; er war vor dem Selbst-mord bewahrt geblieben, obgleich die Versuchung in seiner Lage manchmal groß ge-wesen sein mochte. In Einsamkeit, Schmerz und Leid hatte er seine Befreiung erwartet.Der Arzt bedeckte das einst in seiner Schönheit so stolze Gesicht, damit der grauenvolleAnblick keine anderen Augen verletze, und das geschah auch nicht. Die zuverlässigenalten Diener befolgten sogar jetzt die Befehle ihres Herrn. Seit beinah zwanzig Jahrenhatten sie bei ihm gewohnt und nie seine Züge gesehen; und als sie an diesem TageZutritt zu seinem Zimmer hatten, hielten sie treulich ihr Versprechen und ließen dieweiche, weiße Hülle auf dem Gesicht, welches sie in seiner Zerstörung nicht wieder er-kannt haben würden.
„Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher;" Das ist die Geschichte. Ichwünschte sie Ihnen nicht in diesen Räumen zu erzählen. Kein Wunder, daß Sie bleichund erschüttert sind. Kommen Sie, wir wollen weggehen."
G o l d k ö r » e r.
Demuth lehrt Bescheidenheit,
Gleich dem Veilchen, das verborgenBlüht nnd süße Düfte haucht.
Demuth wahrt des Herzens Frieden,
Macht erträglich jedes Loos,
Läßt uns immerdar erkennen,
Daß noch Schlimm'rcs wir verdient.
Selbsterkenntnis; führt zur Demuth,
Ist zu ihr der sich'rc Pfad;
Mit vcrbund'nen Augen wandeltHoffahrt, bis sie strauchelnd fällt.
F. Beck.