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Die vier Cnltnrnationen.
In seiner interessanten Schrift „Chrouos oder Lebensbeschreibung der Mutter Erde"London , Trübner) Seite 275 u. ff., gibt der geistvolle Amerikaner Wallace Wood, einevergleichende Schilderung des Charakters der vier großen, an der Spitze derZivilisation niarschirenden Knltnrnationen, welche zwar, wie alle solcheSchilderungen, nicht von Einscitigkeitcn frei ist, aber dennoch verdienen dürfte, allgemeinerbekannt zu werden. Man werfe, so sagt derselbe, einen Blick auf eine Karte der Erde,und man wird in dem kleinen Winkel im Norden Enropa's den geistigen Mittelpunktder Welt erblicken. Paris, London und Berlin bilden die dreifache Sonne, von welcherdas Licht der Wissenschaft und Kunst ausstrahlt. Die über den Erdboden zerstreutemenschliche Race kann als eine Art lebendigen Nicsenleibs betrachtet werden, dessenGehirn oder Seele gewissermaßen durch jenen dreifachen Mittelpunkt gebildet wird.
Bedenke dieses, junger Amerikaner, wenn Du Deine .Hochzeitsreise antrittst. DieMammuthhühle ist ohne Zweifel das größte Naturwunder der Welt, und das S)o-Samitho-Thal das zweitgrößte. Aber befriedigte Nengier ist kein intelektneller oder mora-lischer Gewinn; diesen mußt Du an seiner Quelle aufsuchen. — —
England, Frankreich und Deutschland stellen in jenem Riesenlcib gewissermaßendie drei Eigenschaften von Muskel, Herz und Gehirn, oder von Wollen, Fühlen undDenken vor. Die englische Nace ist durch eine lange Reihe von Umständen zu einervorzugsweise» Ausbildung der Kraft oder That geführt worden. Ihre Industrie, ihrHandel, ihr Colonialwesen, ihr Maschinenbau bezeugen dieses ebenso, wie ihre leiden-schaftliche Liebe zu Jagd und zu körperlichen Uebungen oder ihre Achtung vor demStarken und ihre Verachtung des Schwachen — die Nahrung des Engländers bestehthauptsächlich in Rostbecf und Käse. — Die Natur des Franzosen ist die Folge einerwährend Jahrhunderte ungczähmtcn Gcfühls-Erregnng, eine Verehrung des Schönen,des Zarten, des Wahren, allerdings gewürzt durch eine kleine Zuthat niedrigerer Leiden-schaften. Es ist eine Nace von Künstlern und Liebhabern, welche von Kaffee, Weinund gewürzten Brühen lebt. — Der Deutsche neigt weder znr Empfindsamkeit (?), nochzur That, um so mehr dagegen znr Nachdenklichkeit. Er hat ein starkes mit Gedankenangefülltes Vordcrhaupt. Er macht Diktionäre, erfindet philosophische Systeme und schreibtdicke Bände voll trockener oder staubiger Wissenschaft. Den Engländer nennt er einenMaterialisten, den Franzosen ein verwöhntes Kind. Ihm ist es einerlei, was er ißt. (?)
Mit einem Wort: der Deutsche weiß Alles, der Franzose fühlt Alles, der Eng-länder thut Alles.
Gehst Du nach London , so zeige vor allen Dingen im Umgang mit EngländernMännlichkeit und Uncrschrockenheit. — — Jenseits des Kanals betrage Dich, als obDu immer in Damengesellschaft wärest. Sei artig, höflich, freundlich, füttere die kleinenVögel in den Parks, lobe die Kinder und spreche mit Achtung von Malerei und Theater.In Deutschland kannst Du Dich betragen, wie Du willst. Es ist das einzige Landder Welt, wo geistige Freiheit herrscht und wo persönliche Eigenthümlichkeit nicht lächer-lich oder das Leben gar unmöglich macht. Mail wird nicht als ein Narr oder Pedantangesehen, wenn man sieben lebende Sprachen spricht; und wenn Du in einem Eisen-bahnwagen ein griechisches Gedicht oder ein wissenschaftliches Buch in der Hand hast,so brauchst Du Dich nicht zu schämen und läufst mcht Gefahr, ein mitleidiges Lächelnoder ein gegenseitiges Augenzwinkern Deiner Mitreisenden hervorzurufen.
Ueber seine eigene Nation oder die Amerikaner spricht sich der Verfasser nicht direktaus, sondern läßt für sich einen verstorbenen Konservativen aus der alten Schule reden,welcher allerdings zumeist die Schattenseiten des amerikanischen Charakters hervorhebt.Bei aller Anerkennung der Großthaten der amerikanischen Nation als solcher, nennt erden Amerikaner selbst anspruchsvoll, gewissenlos und oberflächlich. Er kennt wederruhigen Lebensgenuß, noch Liebe, noch Beschaulichkeit, sondern nur ein rastloses Jagen