Antiquarischer Briefe fünf und vierzigster. 157
zu nichts dienen könne, da es Stein und Znsirument und Hand,alles gleich sehr vergrößere. Es ist wahr, sie können durch dasVergrößerungsglas erkennen, wie viel ihrer Arbeit an der Bol-lendung noch fehlen würde, wenn sie bestimmt wäre, dadurchbetrachtet zu werden. Aber da es lächerlich wäre, nur deswegenkleine Kunstwerke zu macheu, um das Vergnügen zu haben, siedurch das Glas vergrößert zu sehen: so sind alle Mängel, dieman nur durch das Glas erblickt, keine Mängel, und der Künst-ler braucht nur denen abzuhelfen, die ein gesundes unbcwaffcn-tes Auge zu unterscheiden vermag. Aber auch hicrbcy muß erdie größere Schärfe seines Gesichts, so zu reden, in der Handhaben; er muß mehr fühlen, was er thut, als daß er sehenkönnte, wie er es thut. Wenn also auch schon die alten Stein-schneider, es sey die gläserne Vcrgrößcrungskugcl des Sencca,oder einen durchsichtigen sphärisch geschliffenen Stein, zu brauchengewußt hätten: wozu hätten sie ihn eben brauchen müssen? Undnur daher begreif ich, wie jene gläserne Vcrgrößcrungskugcl zuden Zeiten des Plinius bekannt seyn konnte, ohne daß er ihrerjemals, bey so vielfältiger Erwähnung mikrotcchnischcr Werke,gedenket: da er im Gegentheil verschiedne Mittel, deren sich be-sonders die Steinschneider bedienten, die natürliche Schärfe ih-res Gesichts zu erhalten und zu stärken, sorgfältig anmerkt. (")Andere alte Schriftsteller gedenken noch andrer solcher Mittel,die man alle itziger Zeit, da der Gebrauch der Vergrößerungs-gläser so allgemein geworden, ohnstreitig zu sehr vernachläßigct:so daß die Frage, ob der Sinn des Gesichts bey den Alten,oder bey den Neuern der schärfere? eine Unterscheidung erfodert.Wir sehen mehr, als die Alten; und doch dürften vielleicht un-sere Augen schlechter seyn, als die Augen der Alten: die Altensahen weniger, wie wir; aber ihre Augen, überhaupt zu reden,möchten leicht schärfer gewesen seyn, als unsere. — Ich fürchte,daß die ganze Vcrglcichung dcr Altcn und Neuern hierauf hin-auslaufen dürfte.
(°) liib. XX. lecl. S1. 6 Nil. XXXVII. levl. tk.