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Wie die Alten den Tod gebildet.
hinwieder einräumen, daß sie dem ohngcachtet viel zu schrecklichsind, als daß sie mit jenem Bilde des Todes bestehen könnten,welches ich den alten Artisten zugcrcchtct zn haben vermeine?Wenn ans dem, was in den poetischen Gemählden sich nichtfindet, ein Schluß auf die materiellen Gemählde der Kunst gilt:wird nicht ein ähnlicher Schluß auch aus dem gelten, was sichin jenen Gemählden findet?
Ich antworte: Nein; dieser Schluß gilt in dem einen Fallenicht völlig, wie in dem andern. Die poetischen Gemählde sindvon unendlich wcitcrm Umfange, als die Gemählde der Kunst:besonders kann die Kunst, bey Pcrsonifirung eines abstraktenBegriffes, nur blos das Allgemeine und Wesentliche desselbenausdrücken; auf alle Zufälligkeiten, welche Ausnahmen von die-sem Allgemeinen seyn würden, welche mit diesem Wesentlichenin Widerspruch stehen würden, muß sie Verzicht thun; denndergleichen Zufälligkeiten des Dinges, würden das Ding selbstnnkcnntlich machen, und ihr ist an der Kenntlichkeit zuerst ge-legen. Der Dichter hingegen, der seinen pcrsonifirtcn abstraktenBegriff in die Classe handelnder Wesen erhebt, kann ihn gewis-sermaaßcn wider diesen Begriff selbst handeln lassen, und ihnin allen den Modifikationen einführen, die ihm irgend ein ein-zelner Fall giebt, ohne daß wir im geringsten die eigentlicheNatur desselben darüber aus den Augen verlieren.
Wenn die Kunst also uns den pcrsonifirten Begriff des To-des kenntlich machen will: durch was muß sie, durch was kannsie es anders thun, als dadurch, was dem Tode in allen mög-lichen Fällen zukömmt? und was ist dieses sonst, als der Zu-stand der Nnhe und Unempsindlichkcit? Zc mehr Zufälligkeitensie ausdrücken wollte, die in einem einzeln Falle die Zdce dieserRuhe und Unempfindlichkcit entfernten, desto nnkenntlichcr müßtenothwendig ihr Bild werden; Falls sie nicht ihre Zuflucht zueinem beygesetzten Worte, oder zu sonst einem convcntionalcnZeichen, welches nicht besser als ein Wort ist, nehmen, nndsonach, bildende Kunst zu seyn, aufhören will. Das hat derDichter nicht zu fürchten. Für ihn hat die Sprache bereits selbstdie abstrakten Begriffe zu selbständigen Wesen erhoben; und dasnehmliche Wort hört nie auf, die nehmliche Zdce zu erwecken,