Anmerkungen über das Epigramm.
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aber halten sie sich allezeit, wenn man sie entweder mit ganzgemeinen, oder ihnen ganz fremden Sachen unterhalten wollen.
Die Fehler gegen die Kürze des Ausschlusses sind indeß, beyallen Arten der Epigrammatisten, wohl die seltestcn. Derschlechteste nimmt nie die Feder, ein Epigramm niederzuschreiben,ohne den Aufschluß vorher so gut und kurz gerundet zu haben,als es ihm möglich ist. Ost hat er nichts voraus bedacht, alsdiesen einzigen Aufschluß, der daher auch nicht selten eben dasist, was der Dietrich unter den Schlüsseln ist; ein Werkzeug,welches eben so gut hundert verschiedene Schlösser eröffnenkann, als eines.
Hingegen ist es gerade der bessere Dichter, welcher noch amersten hier fehlerhaft werden kann; und zwar aus Ueberfluß vonWitz und Scharfsinn. Ihm kann es leicht begegnen, daß erunter der Arbeit auf einen guten Aufschluß gcräth, noch eheer zu dem gelangen kann, den er sich vorgesetzt hatte; oderdaß er, jenseits diesem, noch einen andern erblickt, den er sichebenfalls nicht gern möchte entwischen lassen. Mich deucht, soetwas ist selbst dem Martial mit folgendem Sinngedichte wie-derfahren ("):
/,i ^,,AU»'t?iUM.
Oceui-i'lt til» nomo «zuoä lidenter,
l)uo<1 liuaoun<illv vem8, kvA» o5t, et inger>8
(!irea iv, I^igurlno, tolituclo:
<)uiil Iit l"eire cuin8? n!mi« poota <?8.Wer kann leugnen, daß diese vier Zeilen nicht ein völligesEpigramm sind? Nur mochte dem Dichter, ohne Zweifel, dasNimls poota es ein wenig zu räthsclhaft vorkommen; und weiler jenseit der Umschreibung desselben, die schon an und fiir sichselbst sehr gefallen konnte, einen neuen Aufschluß voraus sahe:so wagte er es, das schon erreichte Ende zu einem bloßenRuhcpunkte zu machen, lim von da nach einem neuen Zieleauszusetze»; oder, wenn man will, nach dem nehmlichen, daser sich selbst nur weiter gesteckt hatte. Also fährt er fort:
(°) l.ik. III. ep, 44.Lchmgs Werke >'>>>,
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