Vom Dreibund zum Dreiverband
eignes Bündnissystem hatte, soweit Italien in Betrachtkam, durch die internationalen Vorgänge eine unver-kennbare Lockerung erfahren.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, wie sehr auch nachBismarcks Ansicht die Stellung Italiens im Dreibund be-dingt war durch das Verhältnis zu England. SolangeEngland in guten Beziehungen zum Dreibund stand,konnte sich Italien im Dreibund wohl geborgen fühlen.Je stärker sich der Gegensatz zwischen England und derführenden Macht des Dreibundes herausentwickelte, destostärker mußte für Italien die Versuchung zu einer andernOrientierung werden, und desto geringer war, auch wennItalien im Dreibund verblieb, der Wert des Bündnissesfür den Ernstfall zu veranschlagen. Dazu kam, daß dieReibungspunkte Italiens mit Frankreich in den Hinter-grund traten. Im Jahre 1898 wurde der langjährige Zoll-krieg zwischen den beiden Ländern durch einen Handels-vertrag beendigt. Die Erinnerung an Tunis verblaßte, manfand sich um so eher mit dem seit bald zwei Jahrzehntenbestehenden französischen Protektorat über Tunis ab, als'man jetzt nicht nur von England, sondern auch von Frank-reich Zusicherungen in bezug auf Tripolis erhielt, die einegewisse Kompensation für Tunis in Aussicht stellten (Er-klärungen des Ministers Canevaro im Frühjahr 1899). DerDreibundvertrag wurde zwar im Jahre 1902 ohne Ver-änderung erneuert; aber die Erneuerung vollzog sich, wieFürst Bülow damals im Reichstag ausführte, nicht ohne
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