Vom Dreibund zum Dreiverband
Gegenüber den unmittelbar Österreich-Ungarn berüh-renden russischen Balkanaspirationen traten RußlandsAbsichten auf Konstantinopel und die übrige Türkei inihrer Bedeutung als Konfliktsstoff zurück. Zwar hatteDeutschland seit dem Ausgang der achtziger Jahre desvorigen Jahrhunderts an der Türkei durch die Begrün-dung weitausschauender Unternehmungen ein stärkeresInteresse genommen und ein freundschaftliches Verhältniszum Türkischen Reiche hergestellt; aber da Rußland seitdem Berliner Kongreß keine direkten Aspirationen auftürkisches Gebiet hervorkehrte, blieben die aus den deut-schen und russischen Bestrebungen in der Türkei sichergebenden Reibungen, soweit sie sichtbar in Erscheinungtraten, im wesentlichen auf Fragen zweiter Ordnung be-schränkt, die niemals eine kritische Zuspitzung erfuhren.Immerhin: je größer die deutschen Interessen in der Türkeiwurden, je mehr Deutschland als Schutzmacht der Türkeierschien, desto mehr gewöhnte man sich in Rußland daran,an Stelle Englands in Deutschland das wesentliche Hinder-nis der Ausführung des Testaments Peters des Großen zuerblicken, desto mehr kam die russische öffentliche Mei-nung zu der Überzeugung, daß der Weg nach Konstanti-nopel nicht nur über Wien, sondern auch über Berlin führe.
Italien, unser Genosse im Dreibund, war gleichfalls nichtfrei von Ausdehnungswünschen, die Anlaß zu Konfliktengeben konnten. Über die gegen Österreich gerichtetenirredentistischen Bestrebungen brauche ich kein Wort zu
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