Die Etappen zum Weltkrieg
des Auswärtigen Amtes in Übereinstimmung mit demReichskanzler von Bethmann Hollweg verfolgt hat, umdie gespannte politische Atmosphäre zu entlasten und denRing der Einkreisung zu lockern.
Ein nach dieser Richtung gehender Versuch wurde imJahre 1910 mit Rußland eingeleitet. Die Verhältnisselagen hier besonders schwierig. Die bosnische Angelegen-heit hatte auch nach ihrer formalen Beilegung eine tief-gehende Verstimmung Rußlands gegen Österreich-Ungarnhinterlassen. Das kam symptomatisch zum Ausdruck, alsder Zar im Herbst 1909 den König von Italien in Racconigibesuchte und sowohl auf der Hinreise wie auf der Rück-reise einen großen Umweg machte, um jede Berührungösterreichisch-ungarischen Gebietes zu vermeiden. DieTatsache dieser Begegnung selbst, an der auch die beider-seitigen Minister teilnahmen und bei der die Fragen desBalkans zweifellos einen wichtigen Gegenstand der Unter-haltungen bildeten, war ein weiteres Anzeichen der An-näherung Italiens an den Dreiverband und der Ausbil-dung des italienisch-österreichischen Gegensatzes in denBalkanangelegenheiten.
Die Bemühungen der deutschen Regierung, in den Be-ziehungen zu Rußland eine Entspannung herbeizuführen,hatten schließlich den Erfolg, daß gegen Ende des Jahres1910 eine Zusammenkunft des Zaren, der von seinem neuenMinister des Auswärtigen, Herrn Ssasonoff, begleitet war,mit Kaiser Wilhelm II. in Potsdam zustande kam. Das
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