Die Etappen zum Weltkrieg
Kiderlen hatte sich nach Kräften bemüht, eine Einigungzwischen Österreich-Ungarn und Rußland zum Zweckeder Verhinderung des Kriegs oder — wenn sich das alsunmöglich erweisen sollte — zum Zwecke der Lokalisierungdes Kriegs herbeizuführen. Das Petersburger Kabinettwar scheinbar auf diese Bemühungen eingegangen, aberseine Vertreter in Belgrad, Herr Hartwig, und in Paris,Herr Iswolski, arbeiteten mit Erfolg im entgegengesetztenSinn. Das Verhalten der französischen Regierung war un-durchsichtig. Angesichts der großen französischen Inter-essen, die sowohl in der Türkei wie in den Balkanstaatenauf dem Spiel standen, schien sie Neigung zu haben, imSinne der Erhaltung des Friedens zu wirken; andrerseitswar der Einfluß Iswolskis unverkennbar. London hülltesich in den kritischen Tagen in völlige Zurückhaltung;Sir Edward Grey blieb trotz der Zuspitzung der Lage inseinem Landaufenthalt, und Sir Arthur Nicolson, der ihnvertrat, gab auf die Sondierungen über das Verhalten derbritischen Regierung keine Antwort. Am 8. Oktobermeldete das Reutersche Telegraphenbureau die Kriegs-erklärung Montenegros an die Türkei. Das Wiener amt-liche Telegraphenbureau brachte zunächst ein Dementi,meldete aber dann noch an demselben Tage die Abberufungdes montenegrinischen Gesandten in Konstantinopel und dieZustellung der Pässe an den türkischen Gesandten in Cetinje.
Am gleichen Tage passierte der russische Minister desÄußern auf der Durchreise von Paris nach Petersburg
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