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Die Vorgeschichte des Weltkrieges / von Karl Helfferich
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Kiderlens Unterredung mit Ssasonofl

Berlin. Ich sah Kiderlen am Abend, nachdem er vorher einelange Unterredung mit Ssasonoff gehabt hatte. KiderlenhatSsasonoff auf den Kopf zugesagt, daß Rußland die Balkan-staaten zum Krieg gegen die Türkei zusammengebrachthabe. Ssasonoff leugnete die russischeVaterschaf t am Balkan-bund nicht, behauptete aber, Rußland habe den Bund ledig-lich zu defensiven Zwecken ins Leben gerufen. Kiderlen ant-wortete:Ilyaquelqu'un aParis quipourraitvous renseigner-dessus." Gemeint war der Botschafter Iswolski. Kiderlenbrachte außerdem bei dieser Gelegenheit die Inspektion derfranzösischen Grenzfestungen durch den Großfürsten NicolaiNicola] ewitsch zur Sprache, ferner die zwischen Rußland undFrankreich damals abgeschlossene Marinekonvention, denvon der russischen Flotte gleichzeitig mit der britischen inKopenhagen geplanten Besuch, die von Rußland damalsvorbereitete Probemobilmachung. Das sei etwas viel aufeinmal und könne von uns nicht unbeachtet bleiben.

Auch in den folgenden Tagen geschah weder von Ruß-land noch von England oder Frankreich ein wirksamerSchritt, der den Krieg hätte verhindern können.

In rascher Folge erlitt die türkische Armee in Maze-donien und Thrazien schwere Niederlagen. Das ganzeGebiet der europäischen Türkei bis auf das unmittelbareVorgelände von Konstantinopel ging im Verlauf wenigerWochen verloren. Erst an der Konstantinopel schützendenTschataldjalinie vermochte die Türkei einen wirksamenWiderstand zu organisieren.

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