Die Etappen zum Weltkrieg
Die Großmächte, deren Vertreter auf Anregung Kider-lens beim Ausbruch des Krieges in London zu einer stän-digen Konferenz zusammengetreten waren, hatten zu-nächst die Aufrechterhaltung des Status quo auf demBalkan ohne Rücksicht auf den Gang, den die militärischenOperationen nehmen sollten, proklamiert. Dieser Stand-punkt wurde angesichts der großen und raschen Erfolgeder Balkanstaaten unhaltbar. Die Balkanfrage war jetzt invollem Umfang und in ihrer ganzen Gefährlichkeit aufgerollt.
Das Bestreben der deutschen Politik war, einmal zuverhindern, daß Österreich-Ungarn in den Konflikt hin-eingezogen würde, ferner die österreichisch-ungarischenund die italienischen Interessen in Einklang zu bringen;schließlich England und womöglich auch Frankreich gegen-über dem russischen Ungestüm für eine Politik des kaltenBlutes zu gewinnen.
Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges hatte die türkischeRegierung das sofortige Eingreifen Österreich-Ungarns durchdas Angebot des Sandschaks Novibazar herbeizuführenversucht. Kiderlen setzte sich in Wien für die Ableh-nung dieses verlockenden Angebotes ein, dessen Annahmewohl den sofortigen Krieg mit Rußland zur Folge gehabthätte. Nachdem der status quo unwiederbringlich verlorenschien, nahm Österreich-Ungarn das lebhafteste Interessedaran, daß Albanien nicht unter serbische Herrschaftkomme und daß Serbien sich nicht bis zur Adria aus-dehne. Gegenüber den teilweise römisch-katholischen
98