Die albanische Frage
Albanesen hatte Österreich sich schon seit längerer Zeit alsSchutzmacht gefühlt und war in diesem Sinne für diesesBergvolk bei der Pforte eingetreten. In einem Vordringender Serben über albanesisches Gebiet bis zum Meer sahdie österreichisch-ungarische Politik eine nicht erträglicheSteigerung der großserbischen Bedrohung vom Süd-osten her.
Über ihren Standpunkt in dieser Frage hatte die WienerRegierung von Anfang an keinen Zweifel gelassen. AlsAnfang November der französische MinisterpräsidentPoincare den Vorschlag machte, die sämtlichen Groß-mächte möchten ihr vollständiges Desinteressement anden balkanischen. Dingen erklären, konnte man deshalbin diesem Vorschlag nur einen bewußten und gewolltenVorstoß gegen Österreich-Ungarn erblicken.
Der Vorstoß wurde abgeschlagen. Ebenso wie die öster-reichisch-ungarische Regierung war die italienische Regie-rung entschlossen, sich bei Veränderungen des territorialenStatus auf der Balkanhalbinsel nicht beiseiteschieben zulassen. In Unterhaltungen mit San Giuliano, dem italieni-schen Minister des Auswärtigen, der in jenen November-tagen zur Besprechung über die Erneuerung des Drei-bundes in Berlin weilte, gelang es, eine einheitliche Politikder Dreibundmächte in der Balkanfrage festzulegen. Vorallem einigte man sich über die Schaffung eines auto-nomen Albaniens, das unter österreichisch-ungarischemund italienischem Schutze stehen sollte.
7*
99