England trägt Wasser auf beiden Schultern
ungarischen und italienischen Verlangens, bei der Neu-regelung der territorialen Verhältnisse auf dem Balkanmitzureden; aber im Einverständnis mit der deutschenPolitik Zurückstellung der Einzelfragen bis zu dem Zeit-punkt, der eine Gesamtregelung gestatten würde.
Auffallend, aber bezeichnend für die englische Politik,ist die Tatsache, daß jenes Abrücken der britischen Regie-rung von dem von der französischen Regierung unkluger-weise eingenommenen Standpunkt und ihre Zusammen-arbeit mit der deutschen Diplomatie zeitlich fast zusammen-fiel mit einer starken formellen Bekräftigung der diplo-matischen und militärischen Entente mit Frankreich. Am22. und 23. November 1912, also vierzehn Tage nach derGuildhall-Rede des Herrn Asquith, wurde der Schrift-wechsel zwischen Sir Edward Grey und M. Paul Cambonausgetauscht, der zum erstenmal die seit 1906 getroffenenmündlichen Abreden über eine englisch-französische Ko-operation im Falle eines „nicht herausgeforderten Angriffs"schriftlich niederlegte. Die Vermutung eines ursächlichenZusammenhangs liegt nahe. Die französische Regie-rung fühlte sich durch das englisch-deutsche Zusammen-gehen in den Balkanfragen zweifellos beunruhigt, und dieleitenden britischen Staatsmänner hielten es für angezeigt,diese Beunruhigung dadurch zu beheben, daß sie dem fran-zösischen Ententegenossen ein stärkeres formelles Pfand,als es bisher gegeben worden war, in die Hand drücktenund ihm dadurch die Gewißheit gaben, daß durch eine
101