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Die Vorgeschichte des Weltkrieges / von Karl Helfferich
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Die Etappen zum Weltkrieg

gelegentliche Meinungsverschiedenheit in Fragen derdiplomatischen Taktik an dem britisch-französischenBundesverhältnis nichts geändert werde.

Während England auf diese Weise Wasser auf beidenSchultern trug, kam die deutsche Regierung in die Lage,einen ernstlichen Druck auf die verbündete Donaumonarchieauszuüben.

Der Vormarsch der Serben durch albanisches Gebiet nachder Adria und die Nachrichten über entsetzliche Greuel,die von der serbischen Armee in Albanien begangen wur-den, weckten in Wien starke Erregung und die Neigung zueinem sofortigen Eingreifen. Rußlands Haltung, das unterdem Titel der Probemobilmachung starke Streitkräfte ander galizischen Grenze zusammenzog, war nicht geeignet,diese Erregung zu mildern.

Für die Haltung des Deutschen Kaisers in dieser für diedeutsche Politik schwierigen Lage, die eine große Ähn-lichkeit mit der Lage vom Juli 1914 hat, ist ein Telegrammbezeichnend, das Wilhelm II. damals an den Reichskanzlerrichtete, des Inhalts: Der Bündnisvertrag mit Österreich-Ungarn zwinge uns, zu marschieren, wenn Österreich-Ungarn von Rußland angegriffen werde. Dann werde auchFrankreich hineingezogen werden, und England werdeunter solchen Umständen wohl auch nicht ruhig bleiben.Die jetzt schwebenden Streitfragen ständen zu dieserGefahr in keinem Verhältnis. Es könne nicht der Sinn desBündnisvertrages sein, daß wir, ohne daß Lebensinteressen

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