Am letzten Junisonntag 1914, dem Jahrestag derSchlacht auf dem Amselfelde, die den Serben als höchstenationale Erinnerung gilt, wurde zu Serajewo der Erz-herzog Franz Ferdinand, der Erbe der Kronen von Öster-reich und Ungarn, von bosnischen Verschwörern serbischerHerkunft ermordet. Die Fäden der Verschwörung wiesennach Belgrad, und schon die erste Untersuchung ergabdie Mitwisserschaft und Mitwirkung serbischer Offiziereund Beamten.
Als ich am Abend des 28. Juni die Nachricht von der Mord-tat erhielt, war ich mir sofort darüber klar, daß dieses Ereig-nis die unmittelbare Bedrohung des Weltfriedens bedeute.Die gegen den Bestand der Monarchie gerichtete, von denamtlichen Belgrader Kreisen in einer kaum verhülltenWeise unterstützte großserbische Agitation war in Wienseit langem Gegenstand wachsender Beunruhigung. Ichwußte aus dem persönlichen Verkehr mit einflußreichenund maßgebenden Persönlichkeiten der Donaumonarchie,wie ernst man dort die großserbische Bewegung nahm undwie sehr man davon durchdrungen war, daß die serbische
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