Der Mord von Serajewo
Wer dagegen die Sprache der österreichisch-ungarischenBlätter verfolgte, konnte nicht zweifeln, daß die WienerRegierung entschlossen war, auf ausreichende Sühne fürdie Ermordung des Thronfolgerpaares und auf starkeSicherheiten gegen die Fortsetzung der großserbischenTreibereien auf jede Konsequenz hin zu bestehen.
Es war mir damals schon ein Rätsel und wird mir immerein Rätsel bleiben, wie leicht die öffentliche Meinung beiuns in Deutschland — und nicht nur die öffentliche Mei-nung, sondern auch Persönlichkeiten in Stellungen, dieihnen ein zutreffendes Urteil ermöglichen mußten — damalsdie Lage nahmen. Die bosnische Krisis von 1908/09, dieMarokkokrisis von 1911, die Krisis des Balkankriegs von1912/13 hatten unsere öffentliche Meinung nicht etwa auf-gerüttelt und aufmerksam gemacht; ihre schließlich immerwieder friedliche Beilegung hatte im Gegenteil abstumpfendund einschläfernd gewirkt. Die Uberzeugung „Es kommtja doch nicht zum Krieg" war bei uns in den weitestenKreisen geradezu ein Dogma geworden, nicht zum wenig-sten deshalb, weil wir von der eigenen friedfertigen Ge-sinnung bis ins Innerste durchdrungen waren.
Der Deutsche Kaiser erhielt die Nachricht von demAttentat in Kiel, während er an einer Regatta teil-nahm. Die Regatta wurde sofort abgebrochen, und derKaiser reiste alsbald nach Berlin. Damit fand auchder Besuch eines britischen Geschwaders in Kiel ein vor-zeitiges Ende.
171