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2. Kapitel: Der Büchermarkt.
beiden Novellanten ihre geschriebenen Zeitungen „spickten" —, und daß erdas Verlangen in Stadt und Land von „so viel hundert Seelen, denen dieNovellanten nicht genug thun können", erfülle. Die Herrschaft der ge-schriebenen Zeitung war namentlich in Ländern wie Österreich eine be-sonders ausgesprochene.^ Hier bestand mehr als zwei Jahrhundertc nachder Erfindung Gutenbergs ein in Wien centralisiertcs geschriebenesZeitungswescn — die geschriebenen Zeitungen wurden teils von unbe-kannten Personen, teils von der Post herausgegeben und erschienen ohneKonzcssion, Privilegium und Ccnsurpaß — von solcher Bedeutung, daßLeopold I. in dem „Wiener Blättl", der verbrcitetsten der geschriebenenWiener Zeitungen, offizielle Berichtigungen erscheinen ließ (z. B. 1671auf eine Klage des Graner Erzbischofs hin). Dieses Zeitungswesen war,in untern und obern Schichten, so fest gewurzelt, daß man es zunächstnicht zu unterdrücken wagte. Im Jahre 1671 wurden die geschriebenenZeitungen zunächst nur der niederosterrcichischen Censur unterstellt; imJahre darauf gänzlich verboten. Ohne Erfolg; geschriebene Zeitungenblühten weiter, allen Verfolgungen zum Trotz; wie in den Anfängen, soerfolgte am Schlüsse unseres Zeitraums iu Wien ein Verbot der ge-schriebenen Zeitungen (1740) — das verbreitetste und kühnste wardas sogenannte „Gassen-Blättl"; daneben gab es sogar konzessioniertegeschriebene Blätter. Für eine solche Gestaltung der Zeitungsverhültnissckann der österreichischen Censur gewiß nicht die ganze Schuld zugeschriebenwerden. Gleich die erste, 1615 gegründete Wiener Wochenzeituug hielt sichnur kurze Zeit, und erst in den 1670er Jahren hören wir wieder von zweiZeitungen — einer deutschen, von der nichts aufzufinden ist, und eineritalienischen; und dann ist es gerade die Negierung gewesen, die endlich inden ersten Jahren des neuen Jahrhunderts durch öffentliche Aufforderungund Zusicherung gewisser Vorteile die Buchdrucker zur Begründung einesdeutschen Zeitungswesens gereizt und gelockt hat. Zaghaft wagte es daraufhinJohann van Ghelen , eine gedruckte deutsche Zeitung herauszugeben, „sooft sich etwas politisch Wichtiges ereignete", bis er sie seit 1703 als„Posttäglichen Merkurius", also regelmäßig zweimal in der Woche er-scheinen ließ und Schönwctter gleichzeitig das „Wienerische Diarium"gründete. Eine wenigstens ähnliche Bedeutung hatten die geschriebenenZeitungen auch im übrigen Deutschland; in Brandenburg erging einVerbot derselben im Jahre 1698. Aber gerade in der ersten Hälfte des