Die gebundenen Bücher; Antiquciriatshcmdcl.
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schließliche Gewicht auf die Neuigkeiten des letzten Jahres, die Schlagerder letzten Jahre und eine stattliche Gruppe von jedem Gebildeten ge-suchter, Jahrzehnte uud Jahrhundertc überdauernder Schriften hättelegen können, war ja literarische Produktion und literarisches Bedürfnisnoch weit entfernt. Zu derselben Zeit, zu der wir diese Gestaltung derProduktion und des Bedürfnisses zum ersten mal vor uns sehen werden,da werden wir auch gewahren, daß gleichzeitig das Tauschsystem unter-geht und das Konditionssystcm sich entwickelt, der Sortimentshandclsich vom Vcrlagshandcl trennt uud sich auf eigene Füße stellt und imSortimentshandcl ein besonderer Antiquariatshandel sich ausbildet. Inder Zeit, iu der wir hier stehen, ist jede deutsche Buchhandlung Verlag,Sortiment und Antiquariat zugleich. Dieser Mangel an Differenzierungund Spezialisierung hat wie überall an sich seine Nachteile, aber dieVereinigung ist für unfern Buchhändlcrstand eine vorzügliche Schulegewesen; das Ausschlaggebende dabei ist, daß jene Differenzierung undSpezialisierung von den Zcitbcdürfnisscn noch nicht gefordert wurde.Ganz gefehlt hat ein Antiquariatshandel als selbständiger Zweig schonseit Beginn des 17. Jahrhunderts natürlich nicht, das war schon beider großen Bedeutung gerade der Gelchrtenlitteratur ganz unmöglich;aber er war als solcher noch nicht als ebenbürtiges Glied in den höhernBuchhandel aufgenommen und gehörte im ganzen dem Trödelhandel an.Zu Ausgang des 17. Jahrhunderts hören wir^, wie wichtig es fürden Buchhändler sei, daß er wertvolle alte Bücher, die bei „Verlegernund Buchhändlern" nicht mehr zu haben seien, bei „alten Büchcr-Verkeuffcrn" (in Straßburg z. B. wurden sie „Buchkrämcr" genannt^")und bei Bibliotheksauflösungen zu finden verstehe. Wir entsinnen uns,daß noch damals der Antiquariatshandcl vorwiegend in den Händender Buchbinder lag. Gebunden — roh: das war ja das alte Haupt-unterschcidungömal der alten und neuen Ware. Was im Buchladcngebunden liegt, ist alte Ware und kostet die Hälfte, sagt AdrianBeier 1690^; ein altes Buch, besonders größern Formats, nannteübrigens, beiläufig bemerkt, schon der Gelehrte und Buchhändler damaligerZeit einen „alten Schinken"."^ ES gab aber auch besondere Antiquare.Zum Teil freilich waren sie Erscheinungen des Verfalls: das tüchtigeGeschlecht der Hallervord in Königsberg sank in seinem letzten Sprossen(1740er Jahre) zu einem dürftigen, im Umherziehen ohne festen Wohnsitz