392 7- Kapitel: Das biblivpolischc Deutschland ; Absatz, Preis, Nachdruck, Ccnsur.
nur 142125 Kinder, 59"/„, nicht viel über die Hälfte, die Schulewirklich besuchten. Zn Sachsen ist übrigens der Schulzwang erst 1772,in Bayern erst 1802 eingeführt (oder verordnet) worden. Eine all-gemein zahlenmäßige Angabe betreffs der Analphabeten ist für unfernZeitraum unmöglich. Man kann nur sagen, daß man sich auf Grundvon Angaben, wie der soeben betreffs Böhmens angeführten, indem manden allgemeinen kulturellen Stand Böhmens mit demjenigen der übrigenLänder vergleicht, eine allgemeine Vorstellung darüber bilden mag. Aberes ist ja nicht das allein, worauf es bei der Frage ankommt, inwieweitdas Volk als Lescpublikum iu Betracht kam. Denken wir an denDurchschnittsbewohncr wirklich ländlicher Gegenden, wie wir ihn hentckennen. Er hat lesen gelernt, er kann lesen. Aber was liest er? Fastmöchte man sagcin nichts. Er liest Sonntags in der Kirche beimSingen die GesangbuchSliedcr — die er vielmehr auswendig kann; zuHause sieht er in den Kalender und liest das Kreis- oder Provinzial-blatt; dazu kommt das Schullcsebuch der Kinder und etwas von dem,was die Kolportage ins Haus bringt. Er liest verhältnismäßig müh-sam; liest er vor, so spricht er einigermaßen schulmäßig schwerfällig,wie man das in geringen» Grade auch heute zuweilen sogar bei An-gehörigen des gebildeten Bürgcrstandcs kleiner Städte findet, bei denenman das durchaus nicht vermutet Hütte. Es kommt mit andern Wortennicht nur daraus an, ob jemand lesen gelernt hat, sondern daraus, in-wieweit ihm die Anwendung dieser Kunst eine Mühe und Arbeit ist,nnd welche Interessen und Anregungen der Unterricht unmittelbar odermittelbar in ihm gepflanzt und geweckt hat. Durch die SchulreformenErnsts des Frommen von Gotha (seit 1642) sei, Pflegte man zu sagen,der thüringische Bauer gelehrter geworden als anderwärts der Land-cdclmann. Für den allgemeinen Zustand ist aber alles andere bezciehncndcr als das. Enthielt der Gothaischc „Kurze Unterricht" allerdingsBelehrungen über die Beschaffenheit der Erde, wichtige 'Naturerscheinungen,den menschlichen Körper, geistliche und weltliche Lcmdcssachen, Hauswirt-schciftSfragen und ähnliches, so beschränkte sich der ländliche Unterrichtdagegen in den meisten Ländern auf Lesen und Schreiben, Religion undKirchcngesang und höchstens das notwendigste Rechnen. Und die Lehr-kräfte! In Kurbrandenburg wurde 1722 verordnet, daß zu Landschul-mcistern außer Schneidern, Leinwebern, Schmieden, Radcmachcrn und