Buchhttudlcrbildung, Standcsbcwußtscin.
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Aber dcr Buchhändler damals, auch der große, war ein durchausanderer Herr als dcr Buchhändler der Gegenwart. Er reiste viel um-her, und er wirtschaftete gewaltig herum; der große Wcidmaun giug inPerson in die Buchläden der Kollegen und bestellte, was er brauchte,und Gabr. Raspe in Nürnberg , dessen Geschäft von solcher Bedeutnngwar, daß er "Nürnbergs erster reiner Verleger wurde, hat, wie er selbsterzählt, sein Lebelang mit einem einzigen Lehrjungen gewirtschaftet. Zu-weilen hat auch die Frau den Gemahl aufs gründlichste unterstützt. Alsder kranke Johann Scheibe von Leipzig Luftveränderung halber nachNaumburg ging (wo er verstarb), reiste inzwischen die Frau für ihn inHandlungsgcschäftcn nach Breslau.^ Odenthal in Köln bemerkt 1711in einem Nachdrucksprozeß, das betreffende Buch sei von seiner Frau,während sie im Laden gewesen sei, ohne sein Wissen eingekauft worden;Fleischer in Frankfurt a. M. wies in den 1730er Jahren „seine Hauß-frauen und Jungen" an, ein gewisses Buch an niemanden zu ver-kaufen.^ Äußerlich müssen wir uns deu Buchhändler, der Sitte derZeit entsprechend, bartlos vorstellen, in dcr Öffentlichkeit trügt auch dervornehme Buchhändler die Allongcperückc; die Finger handhaben dieTabaksdose. Was seine Bildung betrifft, so erscheinen Urteile vonSeidnitz oder Ahaövcrus Fritsch vielleicht parteiisch; so unzutreffend waren'sie aber für den Durchschnitt nicht. Ein Buchhändler, sagt AdrianBeicr, muß unbedingt Latein verstehen, weil die meisten Bücher lateinischgeschrieben sind, und er meinte, die meisten wären des Lateins auch indcr That mächtig; viele verständen auch Französisch und Italienisch. "''Als aber dcr Große Kurfürst in den 1680er Jahren seine BerlinerBuchhändler für den Inhalt der von ihnen vertriebenen Bücher verant-wortlich machen wollte, stellte sich heraus, daß dies schon deshalb un-möglich war, weil sie nicht lateinisch konnten^; oder in Gießen er-klärte 1731 dcr UnivcrsitätSbuchdruckcr Lammerts, was iu lateinischenBüchern enthalten sei, sei cr als cin dcr Studien unkundiger Mannnicht zu lesen im Stande."^ Das ist nicht etwa eine übcrraschcndc odcrbclastcndc Thatsachc; denn unter lateinisch lesen können ist dabei ein raschesDurchfliegen eines Buches, so, daß man dabci die Hauptgedanken in sichaufnimmt, verstanden; aus etwas andern: als dcr uotwcndigstcu Ele-mentarkenntnis des Lateinischen konnte aber selbst eine gute Borbildnng des-durchschnittlichen Buchhändlers dcr Natur der Sache uach gar nicht bcstehcn.