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Der Grossbetrieb : ein wirtschaftlicher und socialer Fortschritt ; eine Studie auf dem Gebiete der Baumwollindustrie / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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mit den niedersten Produktionskosten, galt für sie so sehr,dafs der das Drama begleitende Chor der Nationalökonomenihn für das ewige Gesetz des menschlichen Lebens erklärte.

Man hat von denweifsen Sklaven" gesprochen, welchedas moderne Fabriksystem erzeugt habe. Es ist dies mehrals eine Redensai't. Denn trotz äufserer Unterschiede gleichtdoch die Lage jenes von der Grofsindustrie erzeugten Fabrik-proletariats darin innerlich der des Sklaven, dafs es in hoff-nungsloser Weise an das Lebensminimum geschmiedet erscheint,dafs jedes Interesse des Arbeiters an der Arbeit fehlt. Gleich-zeitige Beobachter haben daraus das eherne Lohngesetz ab-geleitet. Sie hatten, wie wir heute sehen, nur jene gewerb-liche Stufe vor Augen, die dem Übergange vom Kleinbetriebzum Grofsbetrieb angehört und dort allein sich verlängert,wo jener Übergang verzögert wird. Die Grofsindustrie da-gegen, welche nicht mehr lediglich in Monopolstellung ist gegen-über einem niedergehenden Handwerk, bedarf, wie wir untennäher sehen werden, zwecks Verbilligung der Produktionskostenallmählich einer ähnlichen Hebung der Arbeit wie jene, die einstvon Unfreiheit zur Freiheit geführt hat. Jenes Fabrikprole-tariat, dessen Lage an Unfreiheit erinnert, wird von der auf-wachsenden Grofsindustrie beseitigt.

Dies geht schon daraus hervor, dafs jene erste tiefstehendeFabrikarbeit gewifs nicht billig arbeitete. Wie später allent-halben, wo man das Fabriksystem einführte, hatte man damalsin England mit der Unregelmäfsigkeit der Arbeit zu kämpfen.Ein sachkundiger Beurteiler berichtet aus der Wendezeit desJahrhunderts, dafs es unmöglich gewesen sei, die Spinner zuregelmäfsiger Arbeit anzuhalten.Häufig verbrachten sie zweioder drei Tage der Woche in Nichtsthun und Trunk, undliefsen die Kinder, die unter ihnen arbeiteten, in den Kneipen