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grofsen, die ganze Industrie umfassenden Vereinen, wie sie inDeutschland nicht entwickelt ist. Denn nur dadurch wird eineeinheitliche Lohnfestsetzung für eine gesamte Industrie ermöglicht.
In Lancashire werden, wie ich in meinem Buche „Zumsocialen Frieden" dargelegt habe, die Normallöhne durch ver-einbarte Listen einheitlich beherrscht; dagegen schwanken diethatsächlichen Löhne um die Normallöhne in Prozenten jenach der Konjunktur. Mit Recht erklärt Lötz dies als dender Grofsindustrie gemäfsen Zustand 1 .
Hierzu kommt, dafs infolge der Arbeiterorganisationender Arbeitgeber viel eher als in Deutschland die Möglichkeitvon Arbeiterentlassungen hat, indem bei Arbeitslosigkeit dieGewerkvereine ihre Mitglieder meist unterstützen, während inDeutschland ein hinwegfliefsen der Arbeit zu fürchten ist oderder Arbeiter der Armenunterstützung anheimfällt. Währendder englische Arbeitgeber einen Vorteil darin erblickt, dieArbeit leicht anziehen und ebenso leicht abstofsen zu können,sucht der deutsche noch durch Kassen u. ä. den Arbeiter zufesseln. Diese einst auch in England übliche patriarchalischeSocialpotitik hat heute einem rein vertragsmäfsigen VerhältnisPlatz gemacht.
d) Der Arbeiter kommt für die Industrie nicht nur alsProduzent, sondern auch als Konsument in Betracht. Währenddie grofsindustrielle Entwicklung die Menge der Produktionsteigert, schafft sie auf der anderen Seite eine breite, absatz-fähige Bevölkerung. Es ist dies die Bedingung ihrer eignenExistenz; ohne das würde die grofsindustrielle Entwicklungnur eine Episode sein und zum Stillstand kommen, sobald diebisher ungewerblichen Völker eigne Industrien ins Leben ge-rufen hätten. So aber erweitert jedes Industrievolk dauernd den
1 Vergl. Lötz, Ideen zur deutschen Handelspolitik. Leipzig 1892.S. 135, 208 u. 209.