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Die rasche Zunahme der Produktivität ist die Ursache derraschen Volkszunahme in einigen Ländern gewesen. Nimmtkünftig die Produktivität ab, so wird auch die Volkszunahmeabnehmen. —
Dieser Einwand gegen die Begründung einer Politik der„Nationalisierung" auf die Möglichkeit dereinstiger Brotnot magWiderspruch finden.
Zweitens aber ist jene Begründung deshalb hinfällig, weildie Brotnotfrage mit der Frage: „Fortwursteln" auf dem Kursezum Industriestaat oder „Rückwärtswursteln" zum Hafen „elemen-tarer Selbständigkeit" nicht das Mindeste zu schaffen hat.
Einmal angenommen, daß jener erstere Einwand nicht zuträfe;d. h. angenommen, daß im Zeichen der Weltwirtschaft Über-völkerung für die Gesamtheit der ihr angeschlossenen Völker, be-sonders aber für die Industriestaaten, bevorstehe, da künftig dieNahrnngsquellen dauernd versiegen würden, während die Zuwachs-rate nicht abnähme. Dann mnß folgerichtig auch angenommenwerden, daß im Zeichen autarkischer Volkswirtschaft (bezüglichdurch Eigenproduktion der Lebensmittel unabhängiger Volkswirt-schaft) Übervölkerung jedem einzelnen Volke drohe.
Die Gefahr, daß die Nahrungsquellen dauernd versiegen, dieGefahr, daß die Ziffer hinauspralle über die Grenze, welche derderzeitige Stand der Nahrungsquellen ihr vorschreibt, ist — wennüberhaupt vorhanden — in diesem Zeichen ebenso vorhanden wiein jenem. Ein Volk von 50 Millionen, das aus dem nationalenBoden sein Brot gewinnt, kann, falls die Menge der Münderrascher wächst als die Menge des Brotes, genau ebenso der Brot-not verfallen wie eine Völkergesamtheit von 500 Millionen, inner-halb deren die eine Gruppe Lebensmittel produziert, die andereIndustrie treibt u. f. w. Für eine Bölkergesamtheit wie für eineinzelnes Volk hängt die Frage, ob Brotnot sich einstellt oder nicht,
wie vielfach behauptet wird (z. B. von I. Wolf, a. a. O., S. 13) — mußhier unentschieden bleiben.
Vgl. die Tabellen in G. v. Mayr's Bevölkerungsstatistik (Schluß); ab-gedruckt in der Tübinger Zeitschr. 1897, S. 704/706. Das „Element derSchwankung" scheint mir noch zu groß, um sichere Schlüsse zu ziehen.