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alles zu geben, was sie erfassen können, wohl wissend, wie viel an.Ganzen trotzdem auch ihnen noch fehlt. Und wenn mich einHindernis von der freudigen Anerkennung von Knaus' Kunst ab-hält, so ist dies Hindernis er selbst, der Meister, der sichtbar un-sichtbar sich zwischen den Beschauer und sein Bild drängt, um dieDinge mit beredtem Munde zu erklären. Ich vernehme nicht dasSchreien der Buben, sondern den Maler, der von ihren? Geschreierzählt; es ist eine verseinerte, elegantere Kost, die er bereitet, aberich habe mich leider der Salons entwöhnt, in denen ich echtes Lebennicht finde. Die Naturtöne dringen mir dort nicht unmittelbar anoOhr. Knaus will sogar, wir sollen uns des in seinen Bildern gegebenenAbstandes vou der Kraft und dem heißen Atem des Volkes sreuen.
Da ist eine Kluft zwischen dem mir als Wahrheit Erscheinen-den und der Kunst, wie in Auerbachs Romanen. Knaus stehthöher als Auerbach, aber ihm klebt das Merkmal seiner Zeit ebeusostark au. Die Überhebnng der Bildung über das zn Bildende;das Streben, durch Wohlwollen die Kluft iu unserer Gesellschaftzn überbrücken, statt an die Pflicht ans Fürsorge zu mahnen; dasLächeln über die Unbeholfenheiten der Ungebildeten. Viele unteruns haben eben die Überseinerung zu hassen gelernt, welche dieWahrheit nur iu schmackhafter Sauce vorgesetzt haben null.
Franz Defregger, der Münchener Führer der Banernmalerei,ist selbst Tiroler Bauer geweseu, erst iu verhältnismäßig spätenJahren in die Stadt gekommen, als Sechsundzwanzigjähriger inPilotys Werkstätte eingezogen. Als Dreißigjähriger kam er auSParis zurück, wo er sich zwei Jahre vervollkommnete. Er wandtesich wieder seiner Heimat zu und malte Tirol. Von allen deutschenMalern hat er am meisten den Geschmack der Nation getroffen:seit Jahrzehnten wird sie nicht satt, seine Dirndeln und Bnbcn,seine lustigen Geschichten von der Senne und seine im Chronikentonvorgetragenen Erzählungen aus der Geschichte Tirols zu sehen; ihnuuterstützt hierin ein besonderer Umstand. Die Tiroler Tracht istdie einzige unter den deutscheu Bauerntrachten, die dein Städternicht als linkisch erscheint, die er vielmehr nachahmt, selbst trägt,wenn er in die Berge kommt. Loden und Gemslcder sind örtlicheErzeugnisse, der Schnitt der Kleider für daS Bergsteigen berechnet.