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Der Beginn einer allgemeineren und rückhaltloseren Aner-kennung ist durch die Erwählung des damals siebenzigjährigenCarlyle zum Lord Rektor der Edinburger Universität bezeichnet.Es war die einzige öffentliche Auszeichnung, die Carlyle währendseines Lebens zu teil ward — nach den Begriffen seiner Heimataber allerdings eine hohe Auszeichnung, welche nur Größen inStaat oder Wissenschaft zu teil zu werden Pflegt. Gladstone warsein Vorgänger, Disraeli sein Mitbewerber, welchen er bei der Wahlmit einer Majorität von 347 Stimmen schlug. Hieraus mag manauf die Bedeutung schließen, welche Carlyle damals bereits in denAugen seiner Landsleute besaß.
Die Rede, mit der Gladstone sein Amt niederlegte, war einMeisterstück der Beredsamkeit dieses Mannes, welche selten verfehlthat, britische Hörer mit sich fortzureißen. Sie hatte einen Sturmunerhörten Beifalls entfesselt, der sich bis weit auf die Straßenhinaus fortpflanzte. Unmöglich schien es, seinem Nachfolger mehrzu spenden; und doch wurde wenige Wochen darauf Carlyle einHöheres zu teil. Als er seine Antrittsrede geendet hatte, herrschteim Saale minutenlanges Stillschweigen. Die Anwesenden — nnterihnen wissenschaftliche Größen ersten Ranges — empfanden, daß indem schlichten Greise nicht eine flüchtige Tageserscheinung vor ihnenstehe, mit der man sich durch Beifall auseinandersetzen könne, viel-mehr, was Goethe schon dem Anfänger gegenüber, erkannt uud aus-gesprochen hatten „daß er auf originalem Grund beruhe" und eine„moralische Macht von großer Bedeutung" darstelle, „in der vielZukunft vorhanden sei""). Carlyle entfloh, nachdem er seine Redegehalten; an den Gräbern seiner Eltern suchte er die Ruhe desGeistes wieder zu gewinnen, welche ihm über jedem Hinaustretenin die Öffentlichkeit verloren ging. Von jener Rede (gehalten am22. April 1866) aber wurden binnen wenigen Tagen M »00 Exem-plare verkauft.
Seitdem ist sein Einfluß weiter gewachsen. H. Taine , derum jene Zeit England besuchte, konnte bereits erklären: nach demEindrucke, den er gewonnen habe, besitze über die jüngere GenerationEnglands kein Schriftsteller einen Einfluß, der dem Carlyles gleich-käme. Heutzutage findet man in England nicht wenige Männer,welche bekennen, von Carlyle mehr oder weniger abzuhängen, ihmihr geistiges Sein und jenen sittlichen Halt zu verdanken, ohne