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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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welchen wie unser zumeist skeptisches Zeitalter, beweist wahr-haft erfolgreiches Handeln unmöglich ist.

Eine ganze Carlylelitteratur ist seitdem entstanden und baldderartig angewachsen, daß sich in ihr zurechtzufinden, keine kleineAufgabe mehr ist. Das Buch von Garnett*) enthält eine soweit ich beurteilen kann ziemlich vollständige Übersicht derselben.Zahlreiche deutsche Veröffentlichungen über Carlyle beweisen, daßder schottische Denker auch bei uns die Beachtung findet, welche erseit lange schon um deswillen verdient, weil kein zweiter Ausländerdeutsches Wesen und deutsche Eigentümlichkeit so verstanden undgeschätzt hat.

Wenn man in die Carlylesche Gedankenwelt einzudringen an-fängt, so erscheint auch heute die Form, in der sie auftritt, nochfremdartig. Der Inhalt aber, den jene Form umschließt, ist unsbei weitem nicht mehr so entgegengesetzt, wie den LandsleutenCarlyles in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts. Gar bald er-kennen wir, daß ein großer Teil der Gedanken, welche unsere Zeitim Gegensatz zu der jüngst verflossenen bewegen, sich in den WerkenCarlyles bereits vorgebildet findet. Durch ein Studium Carlyleskommt man dem Verständnis der Gegenwart selbst näher, und wasgiebt es wichtigeres für den Politiker sowohl, als den Gesellschafts-philosophen, welcher Richtung er Persönlich auch angehöre, als Ein-sicht in die eigene Zeit? Viel Mißverständnis und Streit wirdmit zunehmender Einsicht vermeidbar.

Unser Urteil über Carlyles Bedeutung wird bestätigt durcheine Autorität, welche hier zu deu gewichtigsten zählen dürfte, dieJohn Stuart Mills. Derselbe erklärt in seiner Selbstbiographie,daß in ihm selbst, dnrch Bentham vermittelt, weit mehr Elementedes achtzehnten Jahrhunderts vorhanden seien als in Carlyle. Indem letzteren vielmehr verkörpere sich derKampf des neunzehntengegen das achtzehnte Jahrhundert"**). Wie der Zusammenhangergiebt, versteht Mill unter dem Ausdruckachtzehntes Jahrhundert"die individualistische Weltanschauung, wie sie in der klassischenNationalökonomie ihren Ausdruck gefunden hatte. Der Gegensatz,in den Carlyle dazu tritt, hat zum Hintergrunde daS Auftreteneiner sozialrevolutionären Partei, welches die herrschenden LehrenLügen strafte.

Einer Zeit, welche durch Auflösung der inneren und äußeren

*)R. Garnett. Iiits ok?n. «Ärhls. London, Walter Scott, 1888.") I. St. Mill, Selbstbiographie Kap. V.

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