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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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Bande, welche die Individuen bisher zurückgehalten und verknüpfthatten, ein goldenes Zeitalter auf Erden herbeizuführen vermeinte,trat ein Mann entgegen, der ihr etwa folgendes zurief:Nicht eineneue herrliche Gesellschaft baut ihr auf, wie ihr wohl wähnet, son-dern ihr seid daran, den von den Vätern errichteten Bau täglichmehr zu lockern, der euch wenn schon nicht mehr regendichtheute noch kümmerliche Unterkunft bietet. Ihr zehrt von einemKapital, das weisere Vorfahren aufgespeichert, aber das früher oderspäter aufgezehrt sein muß. Auch seid ihr blind für die Zeichender Zeit, die euern Untergang verkünden. Was die Assyrier einstden Juden gewesen, was die Barbaren für die üppigen Völker desMittelmeeres, das ist die sozialrevolutionäre Partei für euch: eineZuchtrute in der Hand der Gerechtigkeit, zudem ein Kind eurereignen Sünde, das euch zur Umkehr zwingen oder vernichten wird."Ein solcher Mann mußte Leuten, die unter dem Einfluß Ricardosstanden, ein Anachronismus erscheinen. Aber des Eindrucks ver-fehlte er auf die Dauer schon um seines Ernstes willen nicht. Dennunbeeinflußt von der Tagesgunst, unberührt von der Tagesmeinungwandte er sich allein an das Gewissen seines Volkes ein Jesaiasim XIX. Jahrhundert.

Aber Carlhle war mehr als ein Puritanischer Bußprediger.Im Besitze des ganzen Bildungsschatzes seiner Zeit und mit denMitteln des modernen Denkens hatte er die von ihm angegriffenenRichtungen innerlich überwunden. Hieraus folgt, daß er im Besitzeeiner originalen Weltanschauung sich befand, was das Wesen einesgroßen Philosophen und geistigen Neuerers ausmacht.

Wenn Carlyles philosophische Bedeutungj lange verkanntwurde, so beruht das auf der Darstellungsweise. Dieselbe ist nichtsweniger als systematisch. Erst wiederholtes Durchlesen seiner Werke,welche in den 40 Bänden der Bibliotheksausgabe von Chapmangesammelt sind, führt zur Erkenntnis, daß die durch sie verstreutenBemerkungen über die Welt, die Geschichte und die menschliche Ge-sellschaft eines inneren Zusammenhangs nicht ermangeln. Allmählichwachsen die scheinbar oft widersprechenden Gedanken zu jener Ein-heit zusammen, wie sie die Gedankenwelt großer und schöpferischerMenschen zu bezeichnen Pflegt. In dieselbe einzudringen, sie nach-zudenken uud in einem Systeme, das selbständig zu entwerfen war,darzustellen, ist die Aufgabe vorliegender Arbeit. Wir finden beiCarlyle Berührungspunkte mit der Weltanschauung des Goethe derWanderjahre, des Faust, der Gespräche mit Eckermann, nicht wenigemit Schopenhauer, ferner solche mit der Kantischen und Fichteschen