Druckschrift 
Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
5
Einzelbild herunterladen
 

Philosophie, woraus eine Verwandtschaft mit dem deutschen Denkenfolgt. Endlich aber besteht in wichtigen Punkten eine Übereinstim-mung mit August Comte , welche eine Reihe von Schülern beiderzu eigentümlichen Kombinationen führte. Mit Comte gemeinsamist Carlyle der dem Engländer angeborene Sinn für die positivsestgestellte Thatsache, welche ihn die Träume der deutschen Idea-listen vermeiden ließ, sodann insbesondere die eigentümliche Auf-fassung der Gegenwart und der Gegensatz zu der dieselbe beherr-schenden, individualistischen Nationalökonomie. In letzterer Hinsichtregte Carlyle die gegenwärtige Generation seiner Landsleute an,die Volkswirtschaft statt vom kapitalistischen Standpunkte Ricardosvom Standpunkt der Arbeit aus zu beurteilen. Von ihm ging derAnstoß zu jenem Umschwung in der Auffassung sozialer Erschei-nungen aus, welchen ich in meinem BucheZum sozialen Frieden"Leipzig , Duncker & Humblot, 1890, eingehend schilderte.

Aber wie Carlyle seine Zeit auf das tiefgehendste beeinflußte,so ist er selbst sein Ergebnis seiner Zeit und der Geschichte seinesVolkes. Wenn ein Leben an äußeren Ereignissen, wie das dermeisten Schriftsteller, arm ist, so wird es interessant durch die ver-schiedenartigen Einflüsse, welche sich bei der Bildung seiner Welt-uno Gesellschaftsanschauung kreuzten. Als die drei Hauptelemcntesind in dieser Hinsicht zu bezeichnen: der Puritanismus seinesElternhauses, die deutsche Litteratur und Philosophie, die revolutio-nären Bewegungen und sozialen Probleme der Neuzeit.

Man hat gesagt, daß England zu verstehen unmöglich sei,ohne seine Kirche zu verstehen. Von allen Engländern aber dürfteCarlyle derjenige sein, dessen Verständnis am wenigsten zu erreichenist, ohne Rücksichtnahme auf die kirchlichen Verhältnisse, unter denener aufwuchs.

Große Bewegungen, die einem Zeitalter ihren Namen gaben,haben ein ganzes Volk nie auf einmal ergriffen. Zuerst in Wenigenerwacht, breiten sie sich alsbald über die Masse derer aus, die geistigund politisch im Vordergrund stehen. Dagegen bleiben noch langeabgelegenere Kreise vorhanden, in denen die alten Zustände sich er-halten. Hinter der Aufklärung des vorigen und unseres Jahrhun-derts liegt nun ein Zeitalter der religiösen Leidenschaft, welchesdem unseren als Reaktion gegen die Überspannung der Gefühls-und Willenskräfte eine vorwiegend rationalistische Stimmung zurück-ließ. Aber noch lebt in breiten Schichten der Geist jener früherenZeit fort, ganz besonders unter den Völkern angelsächsischer Zunge,welche von der religiösen Bewegung am spätesten erfaßt, aber dann