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Die öffentliche Meinung aber stand der Bewegung innerhalbder Arbeitermassen ratlos gegenüber. Man führte dieselbe — wiespäter anderwärts — auf persönliche Einflüsse bestimmter Agita-toren zurück. Man beruhigte sich, von „Verführung" und „Ver-hetzung" zu sprechen, ohne zu bedenken, daß eine große und weiteKreise erfassende revolutionäre Bewegung nicht ohne Grund undnie ohne Schuld der herrschenden Klassen entsteht, gegen die siesich richtet.
Carlyle wußte, daß eine bloße Suppressivpolitik nur „dieChimäre des Chartismus, nicht diesen selbst", nur das Symptomder Krankheit beseitige. Demgegenüber war es ihm Bedürfnis, derWelt zu sagen, daß die göttliche Gerechtigkeit so ernst nnd uner-bittlich wie je in ihrer Mitte herrsche, daß die Nationen der Neuzeitebenso vollkommen unter den Gesetzen Gottes stünden, wie einst dieJsraeliten in Palästina, unter Gesetzen, die selbstthätig ihre eigenenStrafen auferlegten, wenn der Mensch sie vernachlässigte oder sichihnen widersetzte.
Diese Ideen führt Carlyle in drei seiner hervorragendstenSchriften aus: der Französischen Revolution 1837, dem Chartis-mus 1840 und in Vergangenheit und Gegenwart 1843. Carlylebegründete sich mit diesen Schriften eine einzigartige Stellung unterden englischen Schriftstellern; er trennte sich darin von dem land-läufigen Radikalismus, ohne darum von den Konservativen alsihresgleichen angesehen zu werden. Die Zeitungsschreiber, fürwelche damals die klassische Nationalökonomie Glaubensartikel war,beklagten, daß er unorthodox geworden sei. „Sie stimmen mir imallgemeinen bei," sagte Carlyle, „bedauern aber sehr, daß ich einTory bin. Einen wunderbareren Torh hat man in jüngster Zeitnicht gesehen!" Und ein paar Wochen später sügt er hinzu: „DieLeute fangen an zu entdecken, daß ich kein Tory bin, o nein! son-dern einer der tiefsten, wenn auch stillsten Radikalen, die es augen-blicklich in der Welt giebt, eine Thatsache, die verschiedenen Leutenzu geringem Trost gereicht. Sie haben geredet und werden reden.So laß sie reden."
Entgegen der herrschenden Meinung glaubte Carlyle nicht,daß alle Menschen gleich seien. Sie seien vielmehr unendlich un-gleich nach Verstand nnd Charakter. Aller Fortschritt sei auf be-stimmte, besonders begabte Individuen zurückzuführen, welche dieVorsehung zu besonders begünstigten Zeiten in die Welt gesandthabe. Der Ausführung dieses Gedankens dienten drei andere seinerHauptwerke: Helden und Heldenverehrung (1341), Oliver Cromwell