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durch revolutionäre Bewegungen des Proletariats gefährdet. Schonein ruhiger Beobachter (Gaskell) 1833 erklärte, daß er an einemfriedlichen Ausgange verzweifle, und daß eine Revolution schwerlichausbleiben werde. Seitdem hatten sich die Arbeiter um die Chartezusammengeschlossen; es war eine organisierte Umsturzpartei auf-getreten, welche bedeutend gefährlicher war, als etwa die heutigesozialdemokratische Bewegung in Deutschland .
Bei den Arbeitern war die Überzeugung verbreitet, daß „sieihre Menschheit nur durch Haß und Empörung gegen die herrschen-den Klassen retten konnten". So mußte es damals als eine sichereProphezeiung erscheinen, daß eine gewaltsame Umwälzung in naherZukunft bevorstünde. Verbreitet war diese Überzeugung gerade indenjenigen Kreisen, wo man die Erscheinungen der Zeitgeschichte amernstesten und sorgsamsten prüfte. Dort hatte man das Gefühl,auf einem Boden zu stehen, dessen plötzliche Zertrümmerung täglichzu befürchten sei. So sagte z. B. um das Jahr 1840 vr. Arnold:„Wir befinden uns am Abgrunde und müssen notwendig den Ka-tarakt hinabschießen."
In der That berechtigten die Ereignisse zu den schlimmstenBefürchtungen. Der Verlauf der Chartistenunruhen bot einenBeweis für die Stärke der Bewegung. Zweimal wurden ungeheurePetitionen um Einführung der Charte dem Parlamente überreicht.Die erste soll an 3300000 Unterschriften enthalten haben; zehnMänner schleppten sie in das Parlament, nachdem man sie vorherin Stücke zerlegt hatte, da sie in die Thore des Parlaments-Gebäudesnicht anders hineinzubringen war. Die andere Petition überreichteam 10. April 1848 O'Connor, der inzwischen Unterhausmitglied ge-worden war. Die Zahl der sie bedeckenden Überschriften ist bestritten,aber überstieg nach der geringsten Angabe jedenfalls eine Million.
Trotz des außerordentlich strengen Einschreitens der Behördenund der Einkerkerung der Mehrzahl der Führer, ja teilweise De-portation derselben, sind in jenen Jahrzehnten eine Reihe offenerAufstände vorgekommen.
1839 wurde die Stadt Birmingham von aufrührerischen Ar-beitern besetzt, welche die Häuser der Reichen plünderten und dieFabriken einäscherten. Die Stadt mußte vom Militär förmlich er-obert werden, und der Herzog von Wellington erklärte damals imOberhause: er sei oft Augenzeuge der Schrecken einer im Sturmgenommenen Stadt gewesen, aber niemals habe er ähnliche Aus-schreitungen und Verwüstungen gesehen, wie die von den Aufrührernin Birmingham begangenen.