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der schottischen Haidelandschaft fanden. Anders, als Carlyle vierzig-jährig nach London übersiedelte. Das bescheidene Hans zu Chelsea ,das Carlyle Jahrzehnte bewohnte, wnrde ein Sammelpunkt derinteressantesten Männer Englands und vieler hervorragender Aus-länder. Niemand, erzählt Fronde, lehnte eine zweite Einladungzu jenen Theeabenden ab, bei denen Jane Welsh Carlyle mit An-mut, Witz und Humor das Präsidium führte.
Carlyle redete, wie Froude berichtet, mehr von Dingen alsvon Personen, und zwar über alle möglichen Gegenstände. SeinGedächtnis war außerordentlich gut, und eine umfassende Wißbe-gierde hatte ihn dazn getrieben, sich bis ins kleinste über die ver-schiedenartigsten Dinge zu unterrichten. Mit der englischen Litte-ratur war er so vertraut wie Macaulay. Französisch, Deutsch undItalienisch verstand er unendlich viel besser als Macanlay; nuddabei hatte er die Eigentümlichkeit, daß er, wenn er ein Buch las,das ihm gesiel, nicht eher ruhte, bis er alles gelernt hatte, waSüber den Verfasser desselben ermittelt werden konnte. So bestandseine Kenntnis nicht ans bloßen Punkten und Linien, sondern warvollständig und ein zusammenhängendes Ganze.
Von interessanteren Namen, welche früher oder später zuCarlyles Bekannten- oder Freundeskreis gehörten, seien hier er-wähnt der Amerikaner Emerson, John Stnart Mill, Dickens,Kingsley, Manrice, Mazzini, Cavaignac, Sir Robert Peel , derBischof Wilberfvrce, Ruskin, Prof. Tyndall u. a. Von keinem dieserhervorragenden Männer ist Carlyle innerlich beeinflußt worden,während er selbst auf mehrere von ihnen bedeutend einwirkte, soauf John Stuart Mill , und dessen Übergang von der älterenNationalökonomie zu sozialen Gesellschaftsanschauungen, aufF. D. Maurice und Kingsley, den Gründern des christlichen Sozialis-mus. Die Dickenssche „l^ls ok tvo Litiss" ist ein Nachklang derfranzösischen Revolution CarlyleS, ebenso ist bei Emerson undRuskin der Carlylesche Einfluß unverkennbar. Die Romane Dis-raölis popularisierten die Ideen Carlyles am frühesten.
Wenn Carlyle in seinem Kreise mehr Anregung gab, als em-pfing, so war doch für ihn auch die Übersiedelung nach London vongrößter Wichtigkeit. Hier erst traten ihm die sozialen Probleme derZeit lebendig vor Augen, die daS letzte Bildungselement waren, daser in sich zu verarbeiten hatte.
Wir müssen daher hier einen Blick auf die damaligen sozialenVerhältnisse Englands werfen. Der Bestand der englischen Gesell-schaft schien in den dreißiger und vierziger Jahren des Jahrhunderts