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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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selnde, dem die verschiedenartigen Gesellschaftsbildungen zuverdanken sind. Der Glaube eines Volkes ist subjektiv das,was objektiv seiue äußere Geschichte ist. Darum ist es einIrrtum, die Geschichte desselben auf Selbstsucht zurückzu-führeu. Wäre diese das allein bewegende, so wäre nie eineGeschichte entstanden.In welchem Lande und zu welcherZeit ist Wohl bis jetzt die Geschichte des Menschengeschlechtesnach berechneten uud berechenbaren Motiven vor sich gegangen?Wie steht es mit eurem Christentum uud Rittertum, eurerReformation, eurer Marseillaise und eurer Schreckensherr-schaft ? Ja, ist nicht der Motivenmüller einmal verliebt ge-wesen?" fragt Carlyle.

Glauben und Wissen sind ihrem Ursprünge nach ver-schieden, ja einander so entgegengesetzt, daß vom Standpunktdes eiuen über das andere nur eiu negatives Urteil möglichist. Für den in der Selbstsucht befangenen Menschen ist dasDiesseits das allein Wirkliche, der Glaube an ein JenseitsWahnvorstellung. Für den dagegen, der den inneren Um-schwung durchgemacht hat, ist der Glaube nicht nur ebensosicher, sondern vielmehr das Absolute und Wahre,die That-sache' der Thatsachen", der gegenüber der Verstand alsLichtdieser Welt" nur beschränkte Geltung hat.

Trotzdem aber kommen beide um deswillen fortwährendmiteinander in Berührung, weil auch die Vorstellungen desGlaubens aus dem Material der sinnlichen Erfahrung auf-gebaut siud.Die Religion," sagt Carlyle, ,,wirft durch dieintellektuellen Media Scheinbilder." Es sind das die Re-ligionen, welche dem Denken angehören und darum Gegen-stand der Wissenschaft sind. Sie werden durch die Phantasiehervorgebracht, welche Carlyle die Fähigkeit des Menschennennt, wodurch er das Unendliche zu fassen vermöge.

Damit aber wird ein unlösbarer Widerspruch in dasIndividuum hineingetragen, seiner doppelten Eigenschaft alsselbständigem Einzelwesen uud Teil eines Gesamtwesens ent-sprechend. Es besteht ein fortwährender Kampf zwischen denGlaubeusvorstellungen, welche einem früheren Stande desWissens entsprechen, und dem stetig fortschreitenden empiri-