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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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dem Symbol beilegen, und durch welchen sie zu Handlungender Selbstausopferung bestimmt werden. Ein ähnliches Sym-bol, welches vielleicht bei jenen Soldaten mit in Betrachtkam, ist die Idee des Vaterlandes. Nicht eine bestimmteAnzahl menschlicher Individuen ist es, nicht eine Quadrat-meilcnzahl Landes, welche für sie das Vaterland ausmacht,sondern eiu jenen sinnlichen Dingen beigelegter, schlechter-dings unbeweisbarer Wert, der den Wert ihres eigenen Da-seins für sie übersteigt. Mit fortschreitender Entwicklungpflegen die Symbole abstrakter zu werden; an die Stelle despersönlichen Gefühls für den Monarchen tritt das Staats-gefühl u. f. w. Aber man täusche sich nicht; auch diese ab-strakteren Begriffe bleiben Symbole, indem auch sie, wie alleBegriffe, aus dem Material der sinnlichen Erfahrung auf-gebaut sind, und nicht dieses es ist, sondern sein transcen-denter Wert, den wir lieben uud für den wir uus auf-opfern.

Die höchsten und wichtigsten aller Symbole siud diereligiösen Symbole im engeren Sinn, denn durch sie erhebtsich der Meusch zum höchsten Grade der Hingebung: derEhrfurcht. So ist auch die Idee Gottes, wie sie von denhöchsten Religionen gefaßt ist, zwar nur Symbol, denn geradedas, was wir über Gott uns vorstellen, ist durchaus anthro-pomorphistisch und gehört dieser Welt au. Dagegen ist siedas höchste Symbol, weil sie die selbstloseste Liebe ermöglicht.In ihr ist am vollständigsten ausgedrückt, was die übrigenSymbole nur beschränkt ausdrücken: die Relativität derSinncnwclt und des Individuums. Während daher die an-deren Symbole mehr oder weniger selbstsüchtige Elementemit ins Spiel setzen, tritt durch sie reiu altruistisches Han-deln ein.

Wir sehen, wie Carlyle den Begriff des Glaubens weiterfaßt, als man gewöhnlich thnt. Familien-- uud Vaterlands-gefühl fallen ihm z. B. ebenso darunter wie religiöse Ge-fühle im engeren Sinn. Die ganze Summe dieser Vorstel-lungen nennt Oarlyle den Glauben eines Volkes. Währenddie Selbstsucht stets dieselbe bleibt, ist der Glaube das wech-