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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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los entfalten. 2. Die Periode der Blüte, die kurze Zeit um-fassend, da der Glaube sich zu einem vollständigen Systementwickelt hat, welches in dem Bewußtsein der Zeitgenossendas gesamte Wissen der Zeit in sich schließt. 3. Die Periodedes Verfalls, der Punkt, da die Erkenntnis fortschreitet, derGlaube aber, dessen Ursprung einer durchaus andersartigenErkcuntnisstufe angehört, ihr nachzufolgen nicht mehr elastischgenug ist. Alsdann beginnt der Prozeß der Zersetzung derherrschenden Glaubcusvorstellungen. Derselbe ist jedoch zueinem gegebenen Zeitpunkt nicht in allen Teilen der Gesell-schaft gleich weit fortgeschritten, eine Thatsache, welche fürdie Geschichte solcher Perioden von größter Wichtigkeit ist.Bei den unteren Klassen der Landbevölkerung und den Frauenwird der Glaube uoch lange herrschen, während die soge-nannten gebildeten Klassen, die städtische Bevölkerung, dieMänner, bereits dem Unglauben verfallen sind.

Nicht nur zeitlich nebeneinander steht Glaube und Un-glaube. Das Bild wird dadurch noch komplizierter, daßzwischen beiden eine Reihe von Übcrgangsstandpnnkten liegen.Carlyle unterscheidet einen doppelten Standpunkt.

1. Solange es geht, versucht man Glauben und Wissenso gut als möglich zu vereinigen. Aber diese Vereinigungvollzieht sich nicht mehr wie in den gesunden Zeiten unbe-wußt, sondern wird zur bewußten Bemühung. Statt derReligion hat man nunBeweise über die Wahrheit derReligion". Der Glaube ist nicht mehr der unbestritteneAusgangspunkt alles Denkens, sondern der Zielpunkt, welchenman auf dem Wege der logischen Deduktion zu erreichensucht. Es ist das Zeitalter der sogenannten dogmatischenPhilosophie, welche die überlieferten Glaubensvorstellungenaufnimmt und beweist, z. B. das Dasein Gottes, die Unsterb-lichkeit der Seele, wohl gar ein ganzes theologisches System.Nun aber wird logisches Denken natürlich nie imstande sein,einen Glauben zu begründen, vielmehr je furchtloser es durch-geführt wird, desto mehr zur Einsicht von der UnHaltbarkeitdes Glaubens führen. Daher der Glaube, indem er auf-hört, Sache des Willens zn sein und gedankenmäßig wird,