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Negative Zeiten.
Auf Perioden des Glaubens folgen solche des Unglau-bens. Denn die einzelnen Glaubensvorstellungen werdenmit dem Fortschreiten des Wissens gestürzt. An sich zwarist nach Carlyle der Glaube dem Wissen durchaus gleichbe-rechtigt. Letzteres entspricht dem individualistischen, erstererdem gesellschaftlichen Dasein. Wie die beiden Motivations-weisen, die egoistische und die soziale, so sind auch die ihnenzugehörenden Gebiete des Bewußtseins, das empirische Wissenund der Glaube, einander entgegengesetzt. Aber der Menschist zunächst Individuum. Daher ist das Wissen, d. h. diesinnliche Erfahrung, das zeitlich frühere. Auch der Glaubeist auf jene als sein Material angewiesen. Er verarbeitetdasselbe jedoch nicht mittelst logischer Abstraktion und stehtdaher mit der verstandcsgemäßen Erkenntnis seiner Naturnach im Widerspruch. Nun aber vermehrt sich von Generationzu Generation der Schatz feststehender Kenntnisse. Des wei-teren durch jede gethane Arbeit verändert sich die Strukturder Gesellschaft, damit auch das Erkennen und Denken deseinzelnen. Dieser Entwicklung nun hat der Glaube sichanzupassen. Eine Veränderung der herrschenden Glaubens-vorstcllungen, entsprechend der Erkenntnisstufe der Zeit, findetsich in der Geschichte aller Religionen. Als Beispiel hierfürdenke man an den verschiedenartigen Inhalt, den man zuverschiedenen Zeiten dem überlieferten christlichen Glaubens-bekenntnis gegeben hat, oder an die brahmanische Umgestal-tung der Religion der Vedcn unter Aufrechterhaltung derAutorität jener heiligen Bücher. Mit Recht sagt daherCarlyle: „Kein Mensch kann genau das glauben, was seinVater geglaubt hat".*)
Er unterscheidet in der Entwicklung der Glaubensvor-stellnngen drei Perioden: 1. die Periode des Wachstums, so-lange dauernd, als in Übereinstimmung mit den Fortschrittendes Denkens sich die Glaubensvorstellungen leicht nnd zwang-
*) Vergl. Höi-o a,ncl llsroivorsliip S.