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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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ebenso, besaß überhaupt jede Zeit, die wirklich glaubte. Dennsolche Freiheit ist überall da vorhanden, wo der Mensch ausinnerem Entschluß eine Theorie des Universums sich aneignet.Die Freiheit in Glaubenssachcn endigt, wie das genannteBeispiel zeigt, nicht notwendig in deraus-ronis intsUsotusUs",welche Auguste Comte als verderbliche Folge dem Protestan-tismus zurechnet. Im Gegenteil, sie ist, da Glaube nichterzwungen werden kann, Glaube aber die Voraussetzungdes Neuaufbaues ist, für Carlyle der erste Schritt zu einerneuen Organisation auf dem Gebiete des Denkens wie desHandelns.

Bereits hieraus ergiebt sich Carlyles Stellung zumKatholizismus. Der Protestantismus als Protest gegen über-lebte Glaubensformen ganz abgesehen davon, ob er einepositive Entwicklung oder der erste Schritt zur Zersetzungüberhaupt ist, wie viele meinen hat als solcher von demKatholizismus nichts zu fürchten. Zwar hatte zur Zeit, daCarlyle schrieb, die katholische Kirche in England sich man-cher Erfolge zu rühmen, insbesondere in den aristokratischenKreisen der Oxfordcr Universität.In diesen Dingen," sagtCarlyle,ist es ähnlich, wie mit dem Ebben der See. Dusiehst, wie die Welle am Ufer hierhin und dorthin wogt,und für Minuten kannst du nicht sagen, wohin sie geht.Siehe dagegen nach einer halben Stunde aus, um zu wissen,wie sie sich bewegt. Ähnlich mit dem Papsttum, es magneue Kapellen bauen es soll uns willkommen sein, wennes solches thut, es mag vornehme Namen unter seinenKonvertiten zählen: trotzdem, das Alte ist wahr gewesen."In den Tagen Dantes bedürfte es nicht der Sophismen,nicht absichtlicher Blindheit oder Unehrlichkeit, um als wahrangenommen zu werden; wohl aber heute freilich nurfür die, welche geistig der Gegenwart angehören. Von diesemStandpunkt aus fällt Carlyle das Urteil, welches kühn er-scheinen könnte:Ach, ich wollte, es gäbe keine größere Ge-fahr für unser armes Europa , als das Wiederaufleben desarmen Papstes. Ebensogut mag Gott Thor wieder auf-leben."