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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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Die Reformation.

Die Verehrung Ccirlyles für das Mittelalter dürfte beioberflächlicher Betrachtung im Widerspruch erscheinen mitseiner Stellung zur Reformation, deren Helden sein Herzgehört. Dieser Widerspruch löst sich dahin, daß für Carlylcdie Reformation nicht, wie für die rationalistische Geschichts-schreibung, einen Protest gegen den Glauben, sondern viel-mehr einen Protest gegen den Unglauben bedeutet.*)

Die christliche Weltanschauung des Mittclalters, wiegroßartig sie gewesen sein mochte, war eben etwas geschichtlichGewordenes und darum ihrem Wesen nach Vergängliches.Sie war abhängig von dem Erkenntniszustande ihrer Zeitund mußte mit dessen Veränderung, soweit sie ihm nicht zufolgen vermochte, veralten. Es trat ein Zeitpunkt ein, dasie aufhörte, Glaube im wahren Sinne des Wortes, d. h.Voraussetzung und Ausgangspunkt des menschlichen Denkenszu sein. Äußerlich dagegen blieb sie bestehen, gestützt vondem Gesellschaftssystem, das in seinem Bestand von ihr ab-hängig war.

Aber sie übte nur mehr eine Scheinherrschaft aus. Diegrößten Geister der Zeit, einst mehr als andere von ihrerfüllt, entzogen sich ihrem Einflüsse. Für die Kirche selbstwar sie nicht mehr das Lebensprinzip. Die Leiter der Kirche,insbesondere die Päpste, wurden politische Fürsten; daherdenn die Entartung der Kirche. Der Glaube, für viele nichtmehr möglich durch sreieu Entschluß des eigenen Urteils,wurde zum unfreien Autoritätsglauben, bei nicht wenigenzur bewußten Lüge.

Dagegen erhob sich nun der Protestantismus ,der ersteSchlag ehrlicher Zerstörung gegen ein altes Ding, das falschund götzenhaft geworden war". Er ist im Grunde nichtsNeues. Die Freiheit in Glaubenssachen, welche man gewöhn-lich als etwas dem Protestantismus Eigentümliches betrachtet,besaß der Katholizismus des zwölften Jahrhunderts ganz

*) Vergl. Shepered S. 208.