feinere Bestechung, auch nicht durch Entscheidung des Zufalls,wie es dann der Fall sein wird, wenn ein allgemein aner-kannter Maßstab für den Wert des Menschen fehlt, kam dieseWahl zu stände. Das Merkwürdige daran vielmehr ist, daßdieser Samson, den niedersten Verhältnissen entstammend,zum Vizekönig eines großen Gebietes englischen Bodens nndzum Berater der Krone emporstieg, ohne Streber zu sein,ohne sich zu bewerben, äußerlich eher ein abstoßender alsanziehender Charakter, aber ein geborener Herrscher.
Das Leben dieses Abtes Samson war von Kämpfenund Mühen erfüllt, wie das der meisten mittelalterlichenHerrscher. Viele Bedrängnisse und Schwierigkeiten warenvorhanden, „Massen von Unrat belästigten die Gesellschaft".Aber sie hatte feststehende Ideale, gewiesene Wege; der ehrlicheMensch wußte, wie und wo er seine Arbeit einzusetzen habe.Daher sind jene Historiker im Irrtum, welche nicht tieferals bis auf die Oberfläche der Wirrsale sehend, das Mittel-alter für eine einzige große Masse von Widersprnch undKrankheit erklären. „In der Monarchie des Mittelaltershaben sie nur den chaotischen Steinbruch gesehen, nicht denrüstigen Arbeiter und das stattliche Gebäude, welches eraufrichtete."^)
Wenn die Gesellschaft in jenem Zeitalter auch ihreSchwierigkeiten zu bekämpfen hatte, so besaß sie auch ihreKraft; denn sie besaß Ideale, die zwar unvollkommen ver-wirklicht sein mochten, aber doch fest gewiesene Wege desHandelns für den Menschen bedeuteten. Trotz aller äußerenZerrissenheit waren daher doch die Ergebnisse jenes Zeitaltersgroße. Der größere Teil Europas wurde urbar gemacht,Ernten gesammelt und Kapitalien aufgespeichert. Wichtigernoch: es wurde ein reiches System innerer und äußerer Ge-sellschaftsformen ausgebildet, auf denen unser Dasein bis heuteberuht. So kann man das Mittelalter als die Zeit bezeichnen,die da sammelte, wovon wir leben, die das Gebäude auf-richtete, in dem wir noch heute wohnen.
*) Kretzschmar II. 22S.