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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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weitgehende Überwindung des individualistischen Willensvoraus. Als Gipfel des gesamten.Glaubenssystems standdas Jenseits, welches der Mensch nur durch sittliche Umkehrerreichen konnte. Anders der neue Glaube. Sein Gegen-stand hat nichts transcendentes, über das Individuum heraus-gehendes; vielmehr ist er das Individuum selbst. Sein Zielist nicht ein Jenseits, sondern Glückseligkeit auf Erden. DasMittel, dieses Ziel zu erreichen, ist nicht, wie bei den frühernArten des Glaubens, die Abwendung des Willens von sichselbst, d. h. eine Veränderung im Individuum. Im Gegen-teil: dieses gilt als das normale, unveränderliche, an sichvollkommene. Alle Leiden und Unvollkomincnheiten, die demgeschichtlichen Menschen anhaften, gelten lediglich als Folgeder fehlerhaften sozialen Anordnung. Daher handelt es sichum eine Neuordnung der Individuen, d. h. um staatlicheund rechtliche Veränderungen, wie dies nicht anders für denmodernen Sozialismus der Fall ist.

In diesem Glauben wurzeln nach Carlyle die destruk-tiven Richtungen der Neuzeit. Sie alle wenden sich gegendie überkommene Ordnung als die Quelle schwer empfundenerLeiden. Ob sie dieselbe mehr oder weniger negieren, machtzwischen ihnen keinen wesentlichen Unterschied, ebensowenigetwaige Verschiedenheiten in der Ausgestaltung der erhofftenirdischen Glückseligkeit. Etwas Positives auf sozialem Gebiethervorzubringen, sind sie außer stände. Ihre Anhänger, inder Zerstörung einig, gehen, sobald es Neuaufbau gilt, aus-einander. Denn jener Glaube ist eben nicht von der Art,daß er den Individualismus bezwänge und damit vieleeinem Ziele unterordne. So schlagen gewöhnlich Revolutio-näre, wenn sie siegen, ihren Lehren am meisten ins Gesicht.

Von diesem Standpunkt aus ist Carlyle wohl der ent-schiedenste Gegner jenes vulgären Radikalismus, wie er zumerstenmal in der französischen Revolution auftaucht. Auchhier berührt er sich wieder mit Comte, der als den Haupt-irrtum der Neuzeit die allgemeine Neigung bezeichnet, sozialeSchäden den politischen Institutionen, anstatt den psycholo-gischen Zuständen im Menschen zuzuschreiben.Hieraus