Nicht äußere Schmerzen, Mißhandlungen, selbst der Hunger-tod sind für den Menschen das schlimmste. Nach Carlyleist Leiden mit dem Leben untrennbar verbunden. Aber bis-her hatten die europäischen Völker das Leben durch denGlauben überwunden und durch die hieraus entspringendeHingabe das großartige Gesellschaftssystem aufgebaut, vondem die Kultur der Menschheit abhängt. Sie hatten Mühenund Leiden mutig auf sich genommen, so lange ihnen derZweck ihres Ringens feststand. Nun aber der letztere frag-lich geworden, wird des Lebens Not gerade den denkendenMenschen am meisten bedrücken. Denn das schlimmste istnicht das äußere Elend, sondern der Verlust der Kraft,jenes zu überwinden: „1o ds irrsArüg,t.sä — to ds isolatsä"nennt es Carlyle, d. h. ohne innere und äußere Formendes Lebens zu sein.
„Das Leben war für die Menschen niemals ein Maicn-tanz. Zu allen Zeiten war das Los der zn harter Arbeitgeborenen stummen Millionen durch mannigfache Leiden,Ungerechtigkeiten, schwere Lasten, vermeidlichc und unver-meidliche, entstellt. Es war durchaus keiu Spiel, sondernharte Arbeit, welche die Muskeln und das Herz wund machte.Als Leibeigene, villlmi, dorä^rii, soonsraÄniii, ja sogar alsHerzöge, Grafen und Könige wurden die Menschen oft ihresLebens überdrüssig gemacht und mußten im Schweiß ihrerStirn und ihrer Seele sagen: „Sehet, es ist kein Spiel, esist grimmiger Ernst und unser Rücken kann es nicht mehrertragen!" Wer weiß nicht, welche langfortgcsetzten barba-rischen und unerträglichen Ungerechtigkeiten verübt wurden,bis die Herzen zum Wahnsinn getrieben, ausriefen: „üu3g,cliskn, nilliM susr saolisss, Ihr Sachsen, ergreift eureSaxe!"
Und dennoch wage ich zu glauben, daß zu keiner Zeitseit den Anfängen der Gesellschaft das Los dieser selbenstnmmen Millionen von Arbeitern so ganz unerträglich war,wie es in den Tagen ist, die jetzt über uns dahingehen. Esist nicht das Sterben, ja nicht einmal das vor HungerSterben, was den Menschen elend macht. Elend ist es,