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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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zu dem sie da sind, zu erfüllen: nämlich den der Leitungund Beherrschung der unteren.Der gellende, unartikulierteSchrei der Massen ähnlich denen des Schmerzes und derWut des stummen Tieres enthält für das Ohr des Weisendie Bitte: führe mich, regiere mich; ich bin unvernünftigund elend und kann nicht mich selbst führen." Aufgehörthaben einerseits die durch die Kirche vermittelten Ideen, dasinnere Leben der Menge zu beherrschen. Eine solche Ent-wicklung wird früher oder später mit Notwendigkeit überalldort statt haben, wo die oberen Klassen irreligiös gewordensind. In keinem Lande Europas hat die Religion so sehran Macht über den größeren Teil der Nation verloren, alsin Frankreich . Daher ist dieses Land der eigentliche Aus-gangspunkt der revolutionären Arbeiterbewegung geworden.Das größte Übel, au dem Frankreich heute leidet, geht aufdie Unterbrechung desjenigen Zusammenhangs zurück, welcherauf kirchlichem Gebiet durch die erste Revolution verursachtwurde.Daß eine ganze Generation von Denkern keineReligion mehr hatte, weder zum glauben, noch selbst zumbekämpfen, daß in dem denkenden Frankreich sich das Christen-tum zu eiuer fremden, auswärtigen Tradition verflüchtigthatte, ist die traurigste Thatsache für die Zukunft diesesLandes."*)

Aufgehört aber haben in zweiter Liuie auch diejenigenOrgane, welchen die weltliche Führung der Nation zusteht,ihren Beruf zu erfüllen. Die unteren Klassen werden that-sächlich nicht mehr geleitet; denu daslaisss? iairs" aufwirtschaftlichem Gebiete ist ja eben nichts anderes als eineAbdankung vou seitcu der Regeuteu".Sie geben damitzu, daß sie hinfort znr Herrschaft unfähig sind, daß sie über-haupt uicht dazu da sind, um zn regieren, sondern umman weiß nicht was zu thuu."

Mit dem bittersten Hohn übergießt Carlyle die Re-gierung seiner Heimat wegen ihrer Unthätigkeit auf sozialemGebiet.Da sitzen Meuscheu iu vo>vuiuK-3trkst (d. i. dem

*) Vergl. Chartismus Kap. VI.v. Schulze-Glivernitz, Carlyle.

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