— 149 —
aus. Dem gegenüber besteht gerade das Wesen einer leben-digcn Religion darin, daß sie nicht Mittel, sondern alleinZweck, letzter und absoluter Zweck des menschlichen Daseinsist. „Denke dir einen Menschen," sagt Carlyle, „der seinenMitmenschen empfiehlt, an Gott zu glauben, damit der Char-tismus ins Hintertreffen komme und die Arbeiter in Man-chester ruhig an ihren Spinnmaschinen bleiben. Diese Ideeist toller als in irgend einer Plakatstange, die man bis jetztauf einer öffentlichen Straße gesehen hat. Mein Frennd,wenn du jemals dazu gelangst, so wirst du finden, daß allerChartismus, Manchesterexzesse, parlamentarische Inkompetenz,Windbeutelministerien, die wildeste soziale Auflösung, ja dasVerbrennen des ganzen Planeten im Vergleich damit eineungeheure Kleinigkeit sind. — — Ebensogut würde ich esmir einfallen lassen, Milchstraßen und Sonnensysteme zuschaffen, damit kleine Häringsschiffe sich danach richten, alsdeshalb Religion zu Predigen, damit der Konstabler möglichbleibe. — Was mich betrifft, so habe ich, da ich in denletzten sechs Kalendermonatcn einige zwölf oder dreizehnneue Religionen, schwere Pakete und die meisten davon un-frankiert, aus verschiedenen Teilen der Welt erhalten, meinenunschätzbaren Freund, den Briefträger, instruiert, mir keinemehr zu bringen."*)
Davon ausgehend, daß eine Reform der Gesellschaftabhängig ist von einer Neuentwicklung der inneren Formen,fragt Carlyle, wo die Kräfte zu suchen sind, denen die Lö-sung dieser wichtigsten Aufgabe zukommt. Im Mittelalterwaren dieselben in der Kirche organisiert. Heute dagegen istdie geistige Führerschaft Europas , der „xouvoir spiriwsl"Comtes, desorganisiert. Er weiß, daß heute die geistigeFührung nicht mehr von der Kirche oder irgendwelchen An-stalten, wie etwa den Universitäten, ausgeht, daß sie vielmehrin jenem uferlosen Meere zu suchen ist, das man Litteraturnennt. Mit der Erfindung der Buchdruckerei ist das Buchdas wichtigste Mittel geworden, durch welches die Gedanken
?s,st, a,nä ?i-s8ent, Ausg. von Kretzschmar, S. 214.